11.00 Uhr
cappella academica, Christiane Silber
Ich war etwa 10 Jahre alt, hatte schon fünf Jahre Cello gespielt und wollte noch ein Blasinstrument lernen. Wegen der Stimmlage und der Gesanglichkeit, die dem Cello ähnelt, bin ich bei der Posaune gelandet. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, einer Cellolehrerin. Viel später habe ich dann festgestellt, dass die reichhaltige Literatur für Cello etwas sehr Schönes ist – was für Posaune geschrieben wurde, ist ja doch ein bisschen knapper.
Ja, als Orchestermusiker mit 25 Berufsjahren bricht man nicht mehr ganz so oft zu völlig unbekannten Ufern auf. Mahlers Erste habe ich zum Beispiel ungefähr 60 Mal gespielt. Aber viele Werke sind so komplex, dass man immer wieder etwas in ihnen entdecken kann oder einfach andere Meinungen dazu entwickelt. Ob man sich diese Neugierde und Wachheit bewahrt, liegt letzten Endes an einem selbst.
Einen ungewöhnlichen Anfang, den ich sehr interessant finde, hat auf jeden Fall Mahlers Erste. Ich habe sie zum ersten Mal gehört, als ich etwa 14 war. Dieser Klangteppich, der zunächst scheinbar nirgendwo hinschwebt, war damals für mich etwas ganz Neues. Als Zuhörer braucht man da etwas Geduld – als Posaunist übrigens auch: Wir haben derweil wie so oft „tacet“.
Prokrastination gehört praktisch zum Musikerdasein dazu! Es gibt nicht viele Tätigkeiten, bei denen die Versuchung dazu so groß ist. Das liegt daran, dass nicht sofort auffällt, wenn man gar nicht oder wenig übt, vielleicht nur die Konzerte vorbereitet und den großen Bogen vernachlässigt. Es ist ein süßes Gift, das erst nach vielen Jahren richtig zuschlägt. Ich habe aber ein einfaches Mittel dagegen entdeckt: Überall, wo ich bin, packe ich erstmal meine Posaune aus und stelle sie hin. Wenn ich dann das nächste Mal daran vorbeilaufe, fange ich sofort an zu üben – der größte Feind ist immer das Auspacken.
Es gibt immer noch Posaunenliteratur, von der ich weiß, dass sie da ist und die ich dringend mal üben wollte... und es gibt etwas, das ich mit ganz vielen klassischen Blechbläsern teile: Wir wollen Jazzimprovisation lernen. Das kann man lernen, man muss es nur täglich tun. Und da sind wir wieder beim Prokrastinieren. Es ist nicht einfach, sich die Zeit dafür aus den Rippen zu schneiden. Aber das zu können, wäre für mich ein echtes Plus.
Man muss es wohl lernen. Ich glaube, dass Perfektionisten erstmal schnell gut werden. Aber irgendwann macht ihre Herangehensweise ihnen Probleme. Es lohnt sich, an Perfektion zu arbeiten, aber wenn man mit 80 Leuten auf der Bühne sitzt, darf man nicht zu neurotisch werden mit Dingen, die nicht genau so sind, wie man sie sich vorstellt.
Unserer ehemaliger Intendant Herr Schneider hat mal gesagt: „Der Komponist ist am nächsten dran an Gott.“ Im Orchester ist man ein nachschaffender Musiker und spielt, was in den Noten steht. Wobei man sagen muss, dass sich über Jahrzehnte stark ändert, wie man die Dinge spielt und spielen möchte. Am Ende muss man schon sein eigenes Gefühl hineinstecken und seine eigene Idee, sonst kommt beim Publikum nichts an. Aber man ist ausführendes Element. Deswegen machen viele von uns in der Freizeit noch Dinge wie arrangieren, komponieren, unterrichten oder Kammermusik spielen. Oder sie sind auf andere Weise schöpferisch und gestalterisch tätig. Ich glaube, dass das eine sehr schöne und notwendige Ergänzung ist.
Ich glaube, das ist mir noch nie passiert. Es ist das ideal, wäre aber gleichzeitig auch ein bisschen das Ende. Ich war mal von einer Aufnahme ganz begeistert, bei der ich vermutete, es sei unser Orchester: „Wahnsinn, wie wir das machen. So gut haben wir noch nie geklungen.“ Da sagte meine Tochter: „Vielleicht seid ihr's gar nicht!“ Ich habe dann nachgesehen und musste zugeben: Sie hatte recht (lacht). Ich glaube, solange man noch etwas sucht, ist es eigentlich richtig. Fertig mit einem Werk zu sein ist ein komischer Idealzustand, den man zwar anstrebt, aber besser nicht erreichen sollte.