Vom Anfangen... mit Bassklarinettist Norbert Möller

von Konzerthaus Berlin 11. Februar 2026

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Norbert Möller, Porträt © Tobias Kruse/OSTKREUZ

Wie hat das angefangen mit Dir und der Klarinette?

Mit acht Jahren habe ich mit der Blockflöte begonnen. Als ich zehn wurde, bekam ich von meinem Onkel eine Klarinette geschenkt und bin zur Musikschule gegangen. Dann ging es relativ automatisch das ganze Leben lang weiter mit der Klarinette. Ich habe die Spezialschule für Musik [in Ost-Berlin; Red.] besucht, die jetzt das Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach ist, bin an die Hochschule für Musik übergewechselt und war während meines Studiums schon Substitut [Praktikant; Red.] im Berliner Sinfonie-Orchester, dem heutigen Konzerthausorchester Berlin. Danach habe ich dort die Stelle als Bassklarinettist bekommen. Ich bin jetzt 44 Jahre in diesem Orchester – und komme immer noch gern her. Mit den Konzerten und der Musik, an der ich teilhaben kann, fühle ich mich ein bisschen wie auf der Insel der Glückseligen.

Ist Routine über viele Jahre auch ein bisschen der Feind von Aufbrüchen und Neuanfängen?

Als Feind würde ich Routine nie bezeichnen. Man bekommt Erfahrung – aber leider auch die Erfahrung, dass Stücke über die Jahre nicht leichter werden. Zum Jahreswechsel haben wir mal wieder Smetanas „Moldau“ gespielt. Sie gehört zu den Stücken, die ich in meinem Leben mit am meisten gespielt habe, denn sie kommt ja in jedem Wunschkonzert. Es war ein Erlebnis für mich, wie unsere Chefdirigentin Joana Mallwitz sie dann doch ein bisschen anders angelegt hat: Ich habe das Stück noch nie so schnell gespielt! Mir hat aber sehr gut gefallen, wieviel Stringenz dadurch entsteht. Die Moldau plätscherte nicht vor sich hin, sondern kam wirklich als Fluss daher.

Zwischen Anfang und Vollendung läuft nicht immer alles glatt – dann schiebt man Dinge gern auf, die eigentlich weiterführen würden. Kennst Du das als Musiker auch?

Ein Spitzenorchester zeichnet aus, dass alle bereits in der ersten Probe die Stücke so spielen, wie man sie auch im Konzert spielen könnte – und das Publikum würde vermutlich sagen: „Ganz toll!“ Dann aber wird gemeinsam daran gearbeitet. Um dieses Niveau zu erreichen, braucht man genügend individuelle Vorbereitungszeit. Beim Üben kann man verlorene Zeit aber nicht aufholen. Ich könnte also nicht sagen, ich fahre in den Urlaub, habe danach noch fünf Tage Zeit und übe einfach jeden Tag zehn Stunden lang. Das würde nie funktionieren, weder spieltechnisch noch von der Konzentration oder vom Material [der Klarinettenblätter; Red.]. Auch für die „Moldau“ zu Jahreswechsel habe ich selbstverständlich rechtzeitig angefangen zu üben, weil der Anfang mit lediglich zwei Flöten und zwei Klarinetten immer wieder eine Herausforderung ist.

Gibt es etwas, was du nicht abgeschlossen hast und bedauerst?

Was nie abgeschlossen ist, ist bei mir die Sache mit den Fotos. Mein Familienalbum für jedes Jahr ist vier Jahre im Rückstand – was aber gar nicht so viel ist, würde ich sagen. Die Kisten mit alten Fotos, die längst geordnet oder eingeklebt werden sollten, werden aber noch lange stehen bleiben. Im Großen und Ganzen habe ich geschafft, die Sachen, die mir wichtig waren, nicht aufzuschieben: Ich liebe die Berge und wollte immer in den Himalaya reisen. Statt abzuwarten, bis man als Rentner vielleicht nicht mehr krauchen kann, habe ich es einfach gemacht.

Hast Du Geduld mit einem zwischenzeitlichen Grad an „Chaos“, das zu jedem Schöpfungsprozess gehört?

Wenn Chaos in der Musik entsteht, weil vieles im Orchester durcheinander geht, dann ist das etwas, was wir überhaupt nicht möchten! Es gibt aber Stücke, deren Idee es ist, das Chaos im Universum darzustellen oder den Zustand eines Hühnerhofs bei Angriff eines Fuchses. Da steht zur Charakterisierung dann „tumultuoso“ drüber. Grundsätzlich steckt hinter Musik aber immer eine ganz strenge Ordnung. Und die Genialität eines Johann Sebastian Bach bestand darin, ganz neue Formen innerhalb dieser mathematischen Ordnung zu finden.

Wieviel Spielraum für eigene Schöpfung bleibt im Orchester?

Als Orchestermusiker bringen wir zwar unsere Stimme ein, müssen uns aber in die Interpretation des Dirigenten oder der Dirigentin einordnen. Insofern kann es vorkommen, dass ich eine Stelle eigentlich anders auffasse, sie schneller oder langsamer spielen oder vom Charakter anders herangehe würde. Ich habe aber das zu übernehmen, was der Dirigent vorgibt. Das Individuelle rückt in die zweite Reihe. Wenn wir Kammermusik spielen, können wir mehr gestalten. Beim Unterrichten versuche ich, die Schüler zu animieren, ihre eigenen Ideen zu entwickeln, und dabei im Hintergrund darauf zu achten, dass es insgesamt schlüssig wird. Ich möchte aber nicht machen, was ich kennengelernt habe – dass der Professor jedes Detail vorschreibt und mit einem dicken Bleistift einträgt.

Ist man mit einem Werk jemals „fertig“?

Wenn man CD-Aufnahmen mit demselben Dirigenten hört, der ein Werk im Abstand von zehn oder 20 Jahren noch mal eingespielt hat, ist sehr interessant, wie groß die Unterschiede sind. Insofern bleibt jedes Stück immer neu. Weil das Konzerthausorchester in seiner Schostakowitsch-Interpretation ganz stark von Kurt Sanderling geprägt wurde, gab es früher ältere Kollegen, die darauf sehr bestanden haben und sagten, dass muss genau so sein. Ich fand immer, wenn ein jüngerer Dirigent kommt, darf der es bitte anders machen.

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