11.00 Uhr
cappella academica, Christiane Silber
Musik hat immer eine große Rolle in meiner Familie gespielt, mein Vater ist Musiker. Ich habe viel klassische Musik gehört, im Chor gesungen, Ballettunterricht genommen – das hat mich alles sehr fasziniert. Zuerst bekam ich Klavierunterricht. Das Zimmer der Lehrerin war ganz weiß – die Schränke, der Flügel, der Teppich, alles. Das fand ich als Kind irgendwie unheimlich. Deshalb habe ich gesagt, da gehe ich nicht wieder hin. Ein Bekannter meiner Familie gab Geigenunterricht, also habe ich das probiert. Der Anfang war nicht leicht, aber ich bin dabeigeblieben.
Das Schöne ist, dass wir im Orchester zwar oft Jahrzehnte miteinander verbringen, aber trotzdem immer neue Kolleginnen und Kollegen dazukommen und es so gleichzeitig mehrere Generationen gibt. Irgendwann gehört man zu denen, die gewisse Dinge schon anders erlebt haben. Und selbst wenn man sehr lange dabei ist, gibt es immer Werke, die man noch nicht gespielt hat. Und wenn man sie oft gespielt hat, gibt es manchmal den einen Dirigenten oder die eine Dirigentin, den einen Solisten oder die eine Solistin, mit denen es noch mal ganz anders ist – so, als hätte man das Stück noch nie gehört oder erlebt. Auch Tourneen bringen Abwechslung in den Orchesteralltag: Man lernt neue Städte und Konzertsäle kennen und teilt dann viel mehr Erlebnisse mit Kolleginnen und Kollegen als in Berlin.
Die Musik ist voll von tollen Anfängen! Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ hat zum Beispiel einen Wahnsinnsanfang, bei dem ich immer Gänsehaut kriege. Wirklich. Für mich ist das ganze Stück einfach vollkommen, man ist von Beginn an gefesselt und gebannt. Ich finde, es hat einen der großartigsten Anfänge überhaupt in der Musik.
Prokrastinieren beim Üben (lacht)? Das kann ich ziemlich gut. Dagegen hilft natürlich, ein Ziel zu haben. Wenn ich einen Termin habe, an dem es einfach sitzen muss, fange ich auch viel schneller an, und es fällt viel leichter. Bei Kammermusik ist das zum Beispiel so. Man spielt seine Stimme allein, ist viel besser zu hören, und meistens sagt man so ein Projekt aus großem Interesse und großer Leidenschaft zu. Dazu kommt vielleicht auch noch, dass man ein bestimmtes Stück unbedingt mal spielen möchte.
Ich bin schon eher ein geduldiger Mensch, der chaotische Phasen – bedingt – aushalten kann. Dass etwas nicht sofort läuft, ein Anfang vielleicht nicht so gut gelingt, heißt ja nicht, dass es am Ende nicht doch ein gutes Ergebnis gibt. Oft ist der Weg das Ziel. Das hat meine Geigenlehrerin immer gesagt, um uns zu motivieren, offen zu bleiben. Dieser Satz von ihr ist bei mir auf jeden Fall hängengeblieben. Im Prozess erfährt man viel Neues, kann manchmal auch noch die Richtung ändern, oder man erkennt: „Vielleicht wird es nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben, aber es entsteht etwas anderes, genauso Tolles.“
Ich habe viele Bücher angefangen und nicht zu Ende gelesen. Ich habe auch einige Stücke angefangen zu üben, die ich nie so zu Ende geübt habe, so dass ich sie hätte vorspielen können. Da sind vielleicht viele kleine Sachen, die ich aber nicht unbedingt bedauere!
Das kommt drauf an. Man ist in gewissem Sinne Ausführende. Manche Dirigenten oder Dirigentinnen geben viel vor und dann liegt es an einem selbst, inwieweit man folgt oder folgen kann. Andere lassen viel Freiraum, so dass man ermutigt wird, selbst noch ganz viel hineinzugeben an Gefühl, an Interpretation. Natürlich sind wir trotzdem von unseren Kolleginnen und Kollegen in der Gruppe und vom ganzen Orchester abhängig. Es ist ein sehr komplexes Zusammenspiel, denn jeder empfindet etwas anderes, wenn er oder sie die Musik hört und spielt. Das ist ja das unglaublich Faszinierende an dem Beruf, dass jeder die Musik mit dem eigenen Gefühl und der eigenen Gedankenwelt weitergibt.
Das hängt ganz vom eigenen Anspruch ab und wie perfektionistisch man veranlagt ist, oder? Was erwartet man von sich selbst oder von anderen? Ich denke, in dem Moment, in dem wir etwas im Konzert spielen, ist es in gewisser Weise abgeschlossen. Das Publikum hat es gehört und wenn es nicht perfekt war, kann es trotzdem ganz wundervoll gewesen sein. Viel wichtiger als Perfektion ist, dass es etwas in uns auslöst, dass wir berührt werden oder zum Nachdenken oder Träumen angeregt werden. Und ich glaube, dass Sachen manchmal auch vollkommen sein können, wenn sie unfertig bleiben – wie Schuberts „Unvollendete“.