16.00 Uhr
Neujahrskonzert
„Tutti Pro“ heißt die Initiative von Jeunesses Musicales Deutschland und unisono, in deren Rahmen Berufsorchester Patenschaften für hervorragende Jugendorchester übernehmen. Das Konzerthausorchester Berlin betreut seit vielen Jahren das Orchester des Berliner Musikgymnasiums C.Ph.E. Bach. Jede Saison spielen Orchestermitglieder nach intensiver Vorbereitung der jungen Musikerinnen und Musiker Seite an Seite mit ihnen ein Sinfoniekonzert im Großen Saal. Wir haben mit unserem Solo-Bassklarinettisten Norbert Möller und seinem Schüler Louis Sturm über das Projekt gesprochen.
„Die enge Verbindung zwischen dem Konzerthausorchester Berlin und dem Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach reicht Jahrzehnte zurück: Unser Orchester hieß damals noch Berliner Sinfonie-Orchester und die Schule war eine Spezialschule für Musik der DDR“, erzählt Norbert Möller. „Die künstlerische Ausbildung wurde vorrangig von Orchesterkollegen auch aus unserem Orchester übernommen. Nicht wenige der Absolventen spielen heute bei uns oder haben den Weg in andere renommierte Orchester gefunden.
Ich bin in den 1970er Jahren selbst Schüler dieser Schule gewesen, mittlerweile unterrichte ich dort seit Jahrzehnten Klarinette, Kammermusik und Orchesterspiel. Für mich ist es ein glücklicher Umstand, dass bei diesem Konzert meine Schüler neben mir sitzen werden.“
Auf einen davon ist er gerade besonders stolz: „Louis Sturm macht Abitur am Bach-Gymnasium, hat unter anderem Jugend musiziert gewonnen und wurde eingeladen, das Preisträgerkonzert zu spielen, das der NDR direkt übertragen hat. Im Konzert am 16. Januar übernimmt er die Solo-Klarinette – auf dem Programm steht unter anderem die Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss. Er hat bei mir seine allerersten Töne auf dem Instrument hervorgebracht. Jetzt gehört er nach hunderten intensiven Unterrichtsstunden in neun Jahren und schätzungsweise über 7.000 Stunden individuellen Übens zu den besten Nachwuchsmusikern des Landes“.
Wenn man Louis Sturm vom Lob seines Lehrers erzählt, lächelt er ein bisschen verlegen. „Ich habe mich entschieden, aufs Bach-Gymnasium zu gehe, weil mir schon klar war, dass ich viel Klarinette spielen möchte. Außerdem waren Geschwister von mir schon auf der Schule. Mein älterer Bruder Fabian hat danach Cello studiert und war im letzten Jahr Akademist im Konzerthausorchester.“ Wer sich intensiv mit Musik beschäftigen möchte und kein Problem damit hat dass es auch in den Nebenfächern wie Klavier und Gehörbildung alle halben Jahre Prüfungen gebe, sei dort sehr gut aufgehoben, „egal, ob man später Musik studieren möchte oder nicht.“
Für Louis ist es nicht das erste Tutti Pro-Konzert. vor Vor zwei Jahren hat er bereits mitgespielt – von dieser Arbeitsphase stammt unser Titelfoto. Wie war das? „Man lernt ganz viel von den Orchestermusikern. Außerdem ist man mit ihnen im Stimmzimmer und lernt sich sehr gut kennen. Die Atmosphäre ist total gut.“ Louis hat nicht nur im Sinfonieorchester des Bach-Gymnasiums, sondern auch in Landes- und Bundesjugendorchester gespielt. Was sind für ihn Unterschiede zwischen Arbeitsphasen mit derart guten Jugendorchestern und dem Zusammenspiel mit Profis? „Ich glaube, der größte Unterschied besteht darin, dass in der ersten Proben schon alle ihre Stimme vollkommen beherrschen. Man kann gleich in die richtige Arbeit einsteigen.“ Ist er aufgeregter als im Jugendorchester? Louis lacht: „Ja, klar, absolut!“
Louis Sturm bei einer Rundfunk-Aufnahme nach gewonnenem Wettbewerb. Foto: Norbert Möller
Auf die Frage, was der Musikernachwuchs während der Vorbereitung auf das Tutti Pro-Konzert lernt, fällt Norbert Möller sofort ein Beispiel ein, das zu Louis‘ Einschätzung passt: „Ein Kollege, der einen jungen Musiker auf ein vergangenes Konzert vorbereitet hat, war erstmal schockiert, dass derjenige 14 Tage vor dem Konzert in seiner Stimme noch nach den Noten gucken musste, statt sich aufs Zusammenspiel und die Interpretation konzentrieren zu können. Als der Schüler das gemerkt hat, war das sehr heilsam. Wenn jemand vorhat, diesen Beruf zu ergreifen, ist es gut, vorher einen Eindruck zu bekommen, wie der Alltag in einem Orchester aussieht. Dazu gehört, dass man ein Stück eben nicht ‚noch und nöcher‘ probt wie im Jugendorchester, sondern es in drei Tagen ‚zusammenbauen‘ muss. Ganz wichtig ist auch, dass die Schüler und Schülerinnen durch die Profis, die neben ihnen spiele, eine erste klangliche Idee bekommen, wieviel man ‚reinbretzeln‘ muss, um in einem Konzertsaal wie unserem Großen Saal gehört zu werden.“
Nachwuchsklarinettist Louis Sturm mit Lehrer Norbert Möller
„Ich sage immer, dass ich viel von meinem Professor, Jahrgang 1915, gelernt habe – nämlich, wie ich es nicht machen möchte. Ich lerne die Kinder in der fünften Klasse kennen und unterrichte sie bis zur 13. Klasse. Damit bin ich auch eine Art Lebenshelfer, habe oft mehr Einblick in deren Leben als die Eltern“, antwortet Norbert auf die Frage, was sich im Vergleich zu seiner eigenen Schulzeit menschlich geändert habe. „Ich versuche, als Persönlichkeit so zu sein, dass dieser junge Mensch Denkanstöße bekommt. Als mir ein Schüler sagte, er wolle später einen 5er-BMW fahren, habe ich gesagt, ich hätte sogar 8 Gänge – als passionierter Radfahrer!
Ich bin immer für meine Schülerinnen und Schüler da. Bei den Kleinsten ist natürlich alles noch total verschult. Es gibt Phasen, wo ich ganz viel zur Verfügung stehen muss. Und solche, vor allem bei den Älteren, wo es schon relativ studentische Abläufe sind, und ich nur vorschlage, welches Stück wir uns als nächstes vornehmen könnten. Selbstverständlich fahre ich auf alle Wettbewerbe mit.“ Manchmal geht es auch um ganz Alltägliches: „Neulich war meine jüngste Schülerin wegen einer Demo am Brandenburger Tor gestrandet. Es hat geschüttet. Ich hab sie dann abgeholt, und meine Frau hat sich um trockene Kleidung gekümmert. Es gab eine Reiswaffel mit Honig, etwas Warmes zu Trinken – und dann habe wir ernsthaften Unterricht gemacht.“