13.00 Uhr
Rundgang
Sechs Konzerte an sieben Tagen – von Hamburg bis Linz und von Nürnberg bis Köln sind das Konzerthausorchester, Chefdirigentin Joana Mallwitz und Solistin Alice Sara Ott unterwegs. Auf den Pulten: Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 und Mahlers Fünfte.
Unsere Solistin Alice Sara Ott haben dunkle Tonarten „schon immer sehr angezogen“. Daher liebt sie Beethovens drittes und einziges Klavierkonzert in einer Molltonart besonders. „Hier hört man außerdem, was für ein genialer Komponist Beethoven ist, denn der zweite Satz seines c-Moll-Konzerts steht in E-Dur. Diese Tonart hat für mich etwas sehr sehr Inniges – etwas Überirdisches, Nichtmenschliches und gleichzeitig sehr Menschliches. E-Dur steht in einem extremen Gegensatz zu c-Moll. Es sind Tonarten, die überhaupt nicht miteinander verwandt sind. Wenn man die Spannung vom letzten Ton im ersten Satz in c-Moll halten kann und dann das Ganze ins E-Dur auflöst, wenn sowohl die Musiker:innen aufder Bühne als auch das Publikum mitmacht, und man zusammen diese Stille und diese unglaubliche Spannung aushält und zusammen in dieses E-Dur eintaucht – das sind Momente, die beethovenspezifisch sind und die dieses Klavierkonzert so magisch machen.“
„4m4P“ steht an erster Stelle im Besetzungsplan für Mahler 5 – das Kürzel für „Vier Flöten mit vier Piccoli“. In Hamburg wollten wir zwischen Anspielprobe und Konzert von unserer Flötengruppe wissen, wann sie Mahler zu viert in die Höhen des Orchesters schickt.
Solo-Piccoloflötist Daniel Werner lacht: „Bei Mahler kommt das gar nicht nur in der Fünften vor. Tatsächlich gibt es in dieser Sinfonie nur zwei Takte, in denen wir alle gemeinsam Piccolo zu spielen haben. Das sind die letzten beiden im dritten Satz“. „An dieser Stelle sucht er einen besonderen Ausdruck, eine Farbe, etwas Bombastisches“, wirft Kollegin Antje Schurrock ein. Daniel nickt. „Gerade dieser Schluss vom Scherzo, dieses Grelle, hat nochmal eine andere Wirkung, als wenn wir das alle nur in der oberen Oktave der Flöte spielen. Die Klangfarbe ist ja anders. In seiner ersten Sinfonie schreibt Mahler zum Beispiel für den gesamten letzten Satz eine reine Piccolo-Verdopplung. Das heißt, zwei von uns spielen den vierten Satz über unisono – absolut das Gleiche. Das ist sehr heikel, weil es geht natürlich darum, sich sehr gut zu mischen. Anhören soll es sich wie ein Piccolo, nur mit besonderer Kraft.“
Die beteiligten Musiker treffen sich, um das „auszustimmen“: „Da muss man ein bisschen probieren. Unser Akademist Giorgio Bani, mit dem ich die Erste zusammen gespielt habe, besitzt inzwischen ein Instrument vom selben Instrumentenbauer wie ich. Das macht es auch leichter.“
Das Piccolo, so bestätigen alle, nutzen die Komponisten wegen seiner besonderen Klangfarbe – mal schrill, mal strahlend als Krone in Akkorden: „Es ist das Blitzlicht des Orchesters, hat die Lehrerin gesagt, von der ich die ersten Flötentöne gelernt habe,“ fasst Antje zusammen. „Das habe ich nie vergessen, denn es ist sehr treffend!“
Unser Solo-Klarinettist Ralf Forster, von dem die meisten unserer Fotos auf dieser Tournee stammen, lichtet nicht nur seine Kolleginnen und Kollegen immer wieder im entscheidenden Moment ab.
Ob Bielefeld, Hamburg, neonbeleuchtete Imbisse in China oder Tokyo im Morgennebel winzig klein vom Skytree-Turm aus – wenn ein paar Stunden im dicht gedrängten Tourneealltag zwischen Reisen und Proben frei sind, zieht Ralf gleich mit der Kamera los.
So auch an einem heißen Frühsommernachmittag vor unserem zweiten Konzert – wir haben ihn zur ehemaligen Essener Zeche Zollverein begleitet. Die wuchtig in den Himmel ragenden Linien und Flächen des Industriedenkmals und UNESCO-Welterbes faszinieren ihn sofort. Was gibt dem Musiker den Kick beim Fotografieren?
„Du kannst Dinge in deinem Licht darstellen und sie trotzdem in der Realität belassen. Wenn du deine eigenen Bilder anschaust, kommst du wieder an den damaligen Moment ran, kannst dein Gefühl von damals erwischen. Das finde ich toll. Und wenn du gut bist, überträgt sich das auf andere. Das ist ähnlich wie beim Musizieren. Dabei gibt der Komponist etwas vor, beim Fotografieren die Umgebung – aber bei beidem kannst du deinen Filter dazwischenschalten, ohne dass du dich selbst wichtig nimmst.“ Zum künstlerischen Prozess gehört für ihn auch das Nachbearbeiten ganz selbstverständlich dazu, ist keineswegs lästig – im Gegenteil.
„Was meine Fotografie auf Tournee angeht, ist es schön und wichtig für mich, das Orchester künstlerisch und sympatisch darzustellen“, fasst er zusammen. Egal, ob Fotografie oder Musik – beides scheint Ralf unserer Beobachtung nach einen Flow und jede Menge Energie zu geben.
Während die Orchestermitglieder noch Restaurantreservierungen abarbeiten, eine Joggingrunde drehen, den Ansatz ankurbeln oder einen kurzen Mittagsschlaf machen, ist das Team aus unserem Koordinierenden Orchesterwart Dirk Beyer und seinen Kollegen Gregor Beyer, Raphael Volkmer und Niels Hoffmann längst im Einsatz. Sie sind immer die ersten und die letzten in einem Haus, in dem wir ein Gastspiel geben.
Einheimische Stage Hands helfen, unseren Instrumententransport zu entladen. Ihre Ortskenntnis hilft, denn jedes Haus ist anders aufgebaut und hat seine Besonderheiten, was Zugänge, Lagermöglichkeiten und Abläufe angeht.
Stühle und Pulte werden gerückt, Pauken hereingerollt, die Kontrabässe aus ihren voluminösen Reisekisten befreit und vorsichtig auf der Bühne abgestellt, Noten verteilt. Bald steht alles genau am richtigen Platz.
Wenn die Musikerinnen und Musiker kommen, sind für sie in den verwinkelten Backstagegängen an jeder Tourneestation die gleichen Fragen zu klären: Wo steht die Kiste mit meinem Instrument, wo gehts zur Bühne, wo sind die Garderobenkisten, ist für die Grundversorgung gesorgt – Wasserspender und im besten Fall auch ein Kaffeevollautomat – oder muss man sich auf die Suche nach der Cafeteria machen? Ist alles gefunden, wird auf der Bühne beim Einspielen die Saalakustik geprüft.