16.00 Uhr
Neujahrskonzert
Bevor sie zu uns kommen, besuchen wir sie in ihren Kiezen: Die Musiker*innen unserer neuen Reihe „Tracks – Musik der Stadt im Konzerthaus“. Vor der zweiten Folge haben wir uns mit Pianist Giorgi Gigashvili in Friedrichshain nahe der Karl-Marx-Allee an seinem Lieblingsort getroffen. Der aus Tblissi stammende Pianist und Wahlberliner hat uns in die WG seiner engsten Freunde eingeladen. Zwischen gemütlich knautschigem Ledersofa vom Flohmarkt und dem Mini-Aufnahmestudio im Zimmer einer Freundin erzählt Giorgi von seinem Berlin und vom Programm „Serious Music“, das er mit Nikala Zubiashvili (Live-Electronik & Synthesizers) am 10. Januar ins Konzerthaus bringt.
„In Berlin habe ich schon ziemlich oft die Wohnungen gewechselt. Außerdem bin ich oft für längere Zeit gar nicht hier. Gerade war ich zum Beispiel für zwei Wochen auf Konzertreise. Meine gemietete Wohnung in Prenzlauer Berg ist für mich kein richtiges Zuhause. Deshalb habe ich euch lieber eingeladen, hierher zu kommen, denn in dieser WG wohnen Freunde, mit denen ich sehr, sehr eng verbunden bin. Unter ihnen ist Nini. Sie ist eine meiner besten Freundinnen und ebenfalls Musikerin. Ihre Wohnung ist mein Lieblingsort in Berlin, um abzuhängen und gemeinsam zu arbeiten. In ihrem Zimmer gibt es ein winziges Studio. Die Menschen hier sind der Grund, warum ich Berlin so liebe. Mehr noch als die Infrastruktur, das kulturelle Angebot oder die Clubs verbinde ich diese Stadt mit meinen engen Freunden aus Tiblissi. Sie machen Berlin zum zweiten Zuhause für mich.“
”Klassik und ‚Nichklassik‘ sind beide tief in mir verwurzelt. Ich bin niemand, der nur Beethoven-Konzerte spielen möchte. Jedes Projekt, egal welcher Art, ist mir sehr wichtig. Ich mache nichts, wenn ich mich dabei nicht zu 100 Prozent ausdrücken kann. Es gibt keinen anderen Weg, Künstler zu sein, sich als Künstler bezeichnen zu können. Man muss sehr ehrlich mit dem sein, was man tut. Ich bin sehr ehrlich in meinem klassischen Klavierspiel und auch in der elektronischen Musik, die ich mit Nini oder mit Nikala mache. Wir vertrauen einander vollkommen und lernen viel voneinander. Für mich bedeutet Musik, sich auszudrücken und etwas sehr Persönliches zu teilen. Auf dem gleichen Grund ist man mit jemandem befreundet: Weil man sich der anderen Person gegenüber auszudrücken kann. Und um etwas zu teilen, das tief mit einem verbunden ist.“
„Wenn ich mit Nikala zusammenarbeite, bin ich sowohl für die Auswahl der Stücke als auch für die Arrangements verantwortlich. Zuerst hören wir uns das Stück in Orignalbesetzung an. Dann besprechen wir, welcher Klang oder Beat uns dazu einfällt. Der Prozess ist sehr schwierig und manchmal anstrengend, weil ich Nikala alles erklären muss, was ich möchte, und er mir erklären muss, wie man die Dinge umsetzen kann.
Debussy zum Beispiel ist aufgrund der Stimmführung sehr schwer durch elektronische Musik zu orchestrieren. Aber es ist auch unglaublich interessant, das hinzubekommen. Wenn man das Stück liebt, lohnt es sich sehr. Ein anderes Beispiel ist Ravels Bolero: Ein Thema wird 12 Mal, 20 Mal wiederholt, und es ist immer spannend, welcher Klang als Nächstes hinzukommt. Wir wollten keine Orchesterklangfarben verwenden, die die Leute bereits kennen, also Violinen oder Flöten, sondern nur elektronische Klänge. Wir haben dazu viel recherchiert. Bolero ist sehr bekannt für seinen Schlagzeugrhythmus – wir haben elektronische Beats hinzugefügt. In dieses Stück einzutauchen und seinen vollen Klang nur mit einem Computer und einem Pianisten statt mit einem 70-köpfigen Orchester umzusetzen, war wirklich spannend.“
„Ich freue mich sehr, unser Programm ‚Serious Music‘ in Berlin zu spielen, denn hier kam mir die Idee, elektronische Musik mit dem zu verbinden, was ich am besten beherrsche – klassische Musik. Es ist eines der Projekte, auf die ich sehr stolz bin und das ich schon immer machen wollte. Mit Nikala kann ich diesen Traum verwirklichen und zeigen, dass klassische Musik elektronisch sein kann und umgekehrt. Ich finde, klassische Musik sollte als modernes Genre interpretiert werden – so möchte ich sie meiner Generation näherbringen, die sie oft für langweilig hält.
Neben Ravels Bolero haben wir zum Beispiel Prokofjews Klaviersonate Nr. 7 und Beethovens ‚Ode an die Freude‘ arrangiert und angereichert. Wir werden auch georgische klassische Musik aus dem 19. Jahrhundert und georgische Volksmusik spielen, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Aber eben auf sehr moderne und elektronische Weise. Es ist wichtig, Volksmusik zu spielen, um sie am Leben zu erhalten. Ich finde, jeder Komponist sollte sich mit Volksliedern beschäftigen. Der letzte, der das getan hat, war Béla Bartók. Er wollte sich weiterbilden und mehr über die Wurzeln ungarischer Musik erfahren. Für mich ist diese Verbindung ganz natürlich: Ich singe seit meinem vierten Lebensjahr Volkslieder.“
Nach dem Gespräch sind wir im Nieselregen ein ein bisschen durch den Kiez spaziert und haben Giorgi das berühmte „Kosmos“-Gebäude gezeigt, ein ehemaliges Kino aus DDR-Zeiten. Der Pianist ist Filmenthusiast:
„Wenn ich spiele, stelle ich mir immer etwas Visuelles vor. Gleich nach der Musik sind Filme meine nächste große Leidenschaft. Für mich sind sie die Möglichkeit, zu sehen, was im Kopf eines Filmemachers vorgeht! Ich finde wahnsinnig interessant, wie ein Regisseur Empfindungen visuell umsetzt.
Eines meiner Lieblingsgebäude in der Stadt ist das Filmtheater am Friedrichshain, das so rauh und echt Berlin ist. Es ist mein Lieblingsort, um großartige Filme zu sehen, zum Beispiel die des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Im Innern gibt es in einem der Säle diesen wunderschönen goldenen Vorhang und diese gelben Sitze. Wenn man dort ist, fühlt man sich wie ein Teil des Films. Ich liebe es auch, mit meinen Freunden Filme anzusehen und darüber zu diskutieren. Das wird dann oft sehr intensiv.“