11.00 Uhr
cappella academica, Christiane Silber
Haydn erzählt mit seiner Musik die Schöpfungsgeschichte so bildlich und bunt, dass sie jedem verständlich wird. Die Musik ist ein Geniestreich, hat aber dennoch eine große Leichtigkeit und Humor. Sie belehrt nicht, ermahnt nicht und stellt auch nicht die Ernsthaftigkeit der biblischen Erzählung in den Vordergrund, sondern eine kindliche Freude, ein tiefes menschliches Staunen und einen fröhlichen, versöhnlichen Glauben.
Die Ouvertüre mit dem Titel „Die Vorstellung des Chaos“ ist für Haydns Zeit wahnsinnig modern. Es gibt starke Dissonanzen, verstreute Motive, extreme Dynamiken und plötzliche Überraschungsmomente, wir hören Licht, Weltall, Stille und unbändige Kraft, und das alles auf engstem Raum.
Auch die mit humoristischen Mitteln geschaffene Schilderung der verschiedenen Tiere ist unglaublich virtuos. Hier hört man nicht nur die Vögel zwitschern und tirilieren, sondern auch den im 6/8 Takt springenden Hirsch, den im Kontrafagott brüllenden Löwen, die im schnellen Streichertremolo ausschwärmenden Insekten und das in langsamen chromatischen Linien am Boden kriechende „Gewürm“.
Haydn hat ein unglaublich breites Oeuvre hinterlassen: Es gibt 104 Sinfonien, Messen, Kammermusik und Opern. Die „Schöpfung“ komponierte er 1796 – 1798, als alle Sinfonien bereits geschrieben waren. Es ist ein echtes Spätwerk, bei der Uraufführung war er bereits 66 Jahre alt. Der Erfolg der „Schöpfung“ übertraf dabei alle vorherigen Werke Haydns. Schon bei einer ersten Aufführung in privatem Rahmen sammelten sich so viele Neugierige vor dem Saal, dass die Menge von der Polizei aufgelöst werden musste! Bei der öffentlichen Uraufführung in Wien war das Publikum dann so elektrisiert, dass es „Papa Haydn“ auf die Bühne rief und mit tosendem Applaus feierte. In den folgenden Jahren wurde die „Schöpfung“ überall in Europa, von Prag, London, Berlin, Salzburg, bis Amsterdam, Moskau, St. Petersburg, Stockholm und Paris aufgeführt.
Das Konzerthausorchester und ich haben uns gleich am ersten Tag unserer Zusammenarbeit versprochen, dass wir auf jeden Fall eine „Schöpfung“ zusammen machen. In dieser und den vorangegangenen zwei Spielzeiten haben wir in unseren Konzerten immer wieder Haydn-Sinfonien gespielt und dabei viel experimentiert, ausprobiert und uns seiner Musik von vielen Seiten genähert. In unserer regelmäßigen Beschäftigung mit Haydn ist die „Schöpfung“ ein lange geplanter und ersehnter Höhepunkt. Jetzt ist es endlich so weit!