Berlin Tracks: Stadtmitte – Schönleinstraße

von Annette Zerpner (Interview) – Andreas Antoni (Fotos) 20. April 2026

Teilen

Derya Yildirim © Andreas Antoni

Bevor sie zu uns kommen, besuchen wir sie in ihren Kiezen: Die Musiker*innen unserer neuen Reihe „Tracks – Musik der Stadt im Konzerthaus“. Vor der dritten Folge haben wir uns mit Derya Yıldırım in Neukölln an ihrem Berliner Lieblingsort getroffen: Die aus Hamburg stammende Sängerin und Bağlama-Spielerin hat uns ins Kellerstudio eines Freundes gleich um die Ecke vom Maybachufer eingeladen. Zwischen zahlreichen Plattenspielern, jeder Menge Technik und einem Flügel erzählt sie uns von ihrer Musik und dem Konzert, das sie mit Mandolinist Avi Avital und Ensemble Resonanz am 27. April ins Konzerthaus bringt.

Von der Veddel nach Berlin

„Ich bin auf der Veddel [Hamburger Elbinsel; Red.] in einer sehr musikbegeisterten Familie aufgewachsen. Mein Vater war meine erste Inspiration. Er hat schon immer Bağlama gespielt, und ich habe damit angefangen, als ich noch ziemlich klein war. Meine erste Band war mit ihm und meinen jüngeren Brüdern, glaube ich. Außerdem erhielt ich musikalische Früherziehung und habe Klavier gelernt – europäische Klassik war auch ein sehr großer Teil meines Lebens. Mein Vater hat mir mal erzählt, dass ich Noten lesen und Töne erkennen konnte, bevor ich das ABC gelernt habe. Nach dem Abi habe ich angefangen, drei, vier Jahre lang klassisches Klavier auf Lehramt zu studieren. Als an der Universität der Künste der Studiengang Bağlama eingerichtet wurde, habe ich mich entschieden, nach Berlin zu ziehen.“

Kreativer Lieblingsort in Neukölln

„Ich glaube, dieses Studio ist mein Lieblingsort in Berlin. Hier fühle ich mich wohl, und es haben sich einfach sehr viele schöne Begegnungen ergeben, viele Möglichkeiten und Chancen. Ich bin jetzt auch schon 10 Jahre in der Stadt und es ist etwas Schönes, wenn man seine Community und seine Freunde an einem Ort hat. Hier habe ich zum Beispiel die Musik zum Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“ produziert und mit Freundinnen die Frauenchöre aufgenommen. Auch das letzte Album mit meiner Band habe ich komplett hier vorproduziert.“

Volksmusik ohne Nostalgie

„Ich sehe mich als Teil eines ganz großen Puzzles bei der Etablierung der Bağlama und der Musik, in der sie verwurzelt ist. Improvisation ein großer Bestandteil dieser anatolischen Musikkultur. Es gibt aber auch Aufzeichnungen. Es geht dann darum, wie man eine Melodie, wie man Lieder interpretiert. Und da sind Ornamente und Melismen oder eben dieses kleine Etwas, was man als individueller Interpret hinzufügt. Dadurch zeichnet sich die Individualität des Musikers aus. 

Aber ich spiele nicht nur klassische Bağlama, sondern versuche auch, die Melodien, die schon seit Jahrhunderten existieren, mit einer anderen Energie, einem anderen Hintergrund zu spielen. Ich sehe es als meine Aufgabe, dass Volksmusik nicht Nostalgie bleibt, sondern ein Spiegel der Gesellschaft ist. Ich glaube, dass ich vielleicht eine Art Sprachrohr für meine Generation sein kann –  oder es vielleicht sogar schon bin: Was bedeutet eigentlich diese Musik für uns? Was bedeuten diese Melodien und diese Rhythmen für uns? Mir geht es nicht darum, ein Genre zu bedienen, sondern die Musikrichtungen, aus denen ich komme – ob traditionelle Musik, die auf der Bağlama gespielt wird, klassische europäische Musik oder andere Stile, die mich beeinflusst haben – in Kollaborationen wie mit Ensemble Resonanz einzubringen und dort meine eigene Sprache zu finden.“

Derya Yildirim

Kollaboration mit Ensemble Resonanz & Avi Avital

„Beim ersten Zusammenspiel mit Avi Avital ist uns beiden schnell klar geworden, was für Gemeinsamkeiten es bei den Zupfinstrumenten Mandoline und Bağlama gibt. Und gleichzeitig haben wir sehr viel Spaß dabei, auch die Unterschiede zu spüren und zu hören. Es sind verschiedene musikalische Welten auf der Bühne, die manchmal aufeinanderprallen, so dass etwas ganz Tolles entsteht und manchmal einfach für sich existieren, fast nebeneinander. Er und ich haben jeweils ein paar Stücke vorbereitet, bei einigen von Avis Liedern spiele ich auch die Melodien mit. Aber das Spannendste ist das Gemeinsame, vor allem das von Taner Akyol für uns komponierte Konzert PHOENIX für Bağlama, Mandoline, Streichorchester und Percussion.“

Weiterleitung

Für diese Veranstaltung erhalten Sie Tickets nicht über unseren Webshop. Sie werden daher auf eine externe Seite des Veranstalters weitergeleitet. Falls Sie Buchungen auf konzerthaus.de nicht abgeschlossen haben, verfallen diese nach 20 Minuten.

Abbrechen