Intendant Tobias Rempe über unsere Saison 2026/27

von Konzerthaus Berlin 2. Juni 2026

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Tobias Rempe © Simon Pauly

Vom Hier und Jetzt

und dem Kosmischen Blick auf die Welt

Unsere Saison durchzieht eine sehr alte Frage: Wie verortet sich der Mensch in der Welt – als Körper, als Teil einer Gemeinschaft, im Erleben von Kunst und Musik?

Unsere Festivals – Musik ganz körperlich…

Dieser Frage widmen wir uns besonders intensiv während zweier Festivals. Das erste im November fokussiert auf die persönliche Erfahrung des einzelnen Menschen. Es trägt den Titel NOW HERE und beschäftigt sich konsequent mit dem  Erleben von Musik über den Körper, mit unmittelbarer emotionaler und körperlicher Bewegung und damit, wie Musik uns zum Tanzen oder zur Ruhe bringt. Hierbei arbeiten wir mit der Plattform Detect Sounds zusammen, die sich für unkonventionelle Musikerlebnisse einen Namen gemacht hat.

... und als Erfahrung von Gemeinsamkeit

Das Festival Unter Sternen im April tritt einen großen Schritt zurück und betrachtet die Menschheit, wie sie immer wieder von Astronauten gesehen wird, die vom Raumschiff auf die Erde blicken: Nur Gemeinsamkeit sieht man von dort, alles andere erscheint irrelevant. Im Mittelpunkt dieses Festivals steht das Oratorium „Le Chant des Enfants des Étoiles“ unserer Composer in Residence Unsuk Chin. Für sie sind wir alle diese „Sternenkinder“, die sich als Geschwister die Erde teilen und gemeinsam ins All hinaussingen.

Joana Mallwitz & das Konzerthausorchester – Beethoven, Berliner Werke und ein Jubiläum

Ich freue mich sehr auf die vierte Saison von Joana Mallwitz mit dem Konzerthausorchester, die Anfang September mit Henzes Sinfonie Nr. 9 und einer Einladung zum Lucerne Festival beginnt. Unser Saisonauftakt zu Hause im Konzerthaus wird erneut per Livestream in das Freilichtkino Friedrichshain übertragen, so dass noch mehr Menschen zuhören können, als in unseren Großen Saal passen. 

Im Beethovenjahr 2027 unternimmt Joana Mallwitz einen Zyklus an Expeditionskonzerten und widmet sich in der kommenden Spielzeit den Sinfonien Nr. 1 bis Nr. 5. Wie kein anderer steht dieser Komponist für den Blick auf den Menschen in der Welt – mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen.

In den Programmen von Joana Mallwitz findensich Highlights wie Alban Bergs „Lulu-Suite“ mit unserer Artist in Residence Vera-Lotte Boecker, die „Symphonie Fantastique“ von Hector Berlioz, Tschaikowskys fünfte Sinfonie oder die Schlussszene aus Richard Strauss‘ Oper „Salome“ mit Elza van den Heever. 

Außerdem hat unsere Chefdirigentin für jedes ihrer Konzerte ein Werk einer Berliner Komponistin oder eines Berliner Komponisten ausgewählt. Darunter sind historische Künstlerinnen wie Emilie Mayer, aber auch zeitgenössische wie Sarah Nemtsov oder der 2009 verstorbene Friedrich Goldmann als wichtige Stimme der DDR-Musikgeschichte.

Das 75-jährige Bestehen unseres Orchesters – ab 1952 als Berliner Sinfonie-Orchester und seit 2006 als Konzerthausorchester Berlin – feiern wir im Januar 2027 mit seinem Werk „Klangszenen III“, das von unserem Orchester uraufgeführt wurde. Am Pult des Konzerthausorchesters begrüßen wir viele renommierte Gäste wie François-Xavier Roth, Ingo Metzmacher oder den jungen Shootingstar Aurel Dawidiuk. Stephanie Childress kombiniert Gustav Holsts „The Planets“ mit Unsuk Chins „Chant des Enfants des Étoiles“ und Giedrė Šlekytė dirigiert Chins Cellokonzert mit Solist Alban Gerhard.

Das Vertraute im Fremden entdecken

Mit der Reihe „Aşina“ kommt etwas Neues ans Konzerthaus. Aşina (persisch/türkisch: vertraut) versammelt Musik mit einem Ursprung in  Anatolien und vielfachen Ausläufern von  Mesopotamien über Griechenland bis Berlin. Die Reihe steht für ein Hören, das etwas Bekanntes im vermeintlich Fremden erkennt und ihm neue Nähe schenkt. Den Auftakt macht der legendäre Komponist und Sänger Zülfü Livaneli (zu Hintergrund und Beteiligten mehr ab Seite 8).

In ihre zweite Spielzeit gehen bereits „Herz über Kopf“, das Musik & Talkformat mit Schauspieler und Klassikenthusiast Charly Hübner sowie die Reihe „Berlin Tracks“, die unterschiedlichsten musikalischen Spuren durch die Randgebiete des klassischen Spektrums folgt. 

Neue Büsten braucht das Haus

Die Gipsbüsten im Großen Saal unseres Hauses bilden 38 historische Komponisten ab, aber keine einzige Komponistin. Im Rahmen einer über die nächsten Jahre geplanten Erweiterung und Neugestaltung der Erinnerungskultur am Konzerthaus werden ab der nächsten Spielzeit digitale Denkmäler entstehen, die bedeutende Frauen der Musikgeschichte feiern. Unter ihnen ist in der ersten Saison die Berlinerin Emilie Mayer, deren Verbindung zum Konzerthaus eng ist. Viele ihrer Werke wurden hier uraufgeführt. Nach ihr haben wir auch unser umgestaltetes Konzerthauscafé benannt.

Offene Zweibahnstraße

Im Rahmen unserer Initiative Konzerthaus nextdoor möchten wir in Kontakt und Kooperation kommen mit Menschen, Einrichtungen, Situationen, Talenten und Impulsen aus Berlin, die uns inspirieren und von denen wir lernen können. Dazu gehört auch, dass wir selbst Musik in die Stadt mitbringen. Im Herbst geht das Konzerthausorchester auf eine Tour durch ausgewählte Berliner Stadtteile. Eine Zusammenarbeit mit dem İÇ İÇE - Festival für neue anatolische Musik hat bereits begonnen. 

Im Rahmen der Förderung “Übermorgen - Neue Modelle für Kulturinstitutionen” der Kulturstiftung des Bundes wollen wir sondieren, welche Formen dieses Vorhaben annehmen kann – von Auseinandersetzung mit postmigrantischer Musikkultur bis hin zu Community-Arbeit und Kinder- und Jugendkultur an Orten, die bisher in vieler Hinsicht weit weg vom Konzerthaus liegen. Konzerthaus nextdoor soll uns helfen, dauerhaft Impulse aus der Stadt ins Haus zu bringen und uns selbst in Einklang mit der Dynamik Berlins weiterzuentwickeln

Weiterleitung

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