Vera-Lotte Boecker im Gespräch

von Annette Zerpner 2. Juni 2026

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Unsere Artist in Residence Vera-Lotte Boecker stammt aus dem Rheinland und studierte Gesang in Berlin und Kopenhagen. Nach Stationen am Nationaltheater Mannheim und an der Komischen Oper war die vielseitige Sopranistin bis 2022 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Gastengagements führten sie in zahlreichen klassischen und zeitgenössischen Partien an die Berliner Staatsoper sowie nach Moskau, Peking, Tokio, New York, Paris, Hamburg, an die Bayerische Staatsoper in München und zu den Salzburger Festspielen. Die Fachzeitschrift Opernwelt wählte sie zur „Sängerin des Jahres 2022“. Im Jahr darauf erhielt sie den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“.

Wann hast Du entschieden, dass Gesang Dein Beruf wird?

Während meines Philosophie- und Literaturstudiums in Berlin fing ich an, in Konzerte, ins Theater und in die Oper zu gehen. Klassische Musik habe ich also erst relativ spät wirklich kennengelernt, aber dann hat sie mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Ich habe Gesangsstunden genommen und an beiden Berliner Hochschulen die Aufnahmeprüfung für Gesang bestanden. Dass daraus ein Beruf wurde, habe ich mir nicht vorstellen können. Eigentlich geht mir das heute immer noch so, dass ich überrascht bin, mich professionell jeden Tag mit Musik, Texten, der Stimme, Klang und Ausdruck beschäftigen zu dürfen.

Was bedeutet die Residenz am Konzerthaus für Dich?

Zunächst eine Ehre (lacht)! Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich hier in diesem offenen Haus mitten in der Stadt für eine Saison musikalisch daheim sein kann. Die Residenz gibt mir die Möglichkeit, auch selbst aufs Programm Einfluss zu nehmen: Ich kann Stücke singen, für die ich brenne, wie Brittens herrliches „Les Illuminations“. Ich werde etwas von Unsuk Chin aufführen und mit meiner Pianistin den großartigen, selten zu hörenden Liederzyklus „Apparition“ von George Crumb. Etwas jenseits des Opernkontexts machen zu können, ist eine wunderbare Abwechslung. Im Konzert habe ich als Sängerin eine ganz andere Eigenmächtigkeit.

Du bringst aber natürlich auch Opernarien mit – ist eine Deiner Lieblingsrollen dabei?

Ja, und zwar die Rolle, in der ich zum ersten Mal mit Joana Mallwitz zusammengearbeitet habe! In meinem Auftaktkonzert dirigiert sie Alban Bergs Lulu-Suite, und ich werde das „Lied der Lulu“ singen. Das ist definitiv eine meiner Lieblingsopern und Lieblingspartien. Einerseits unterliegt das Stück den Gesetzen der Zwölftonmusik, andererseits ist es hoch emotional und für mein Empfinden herzzerreißend berührend. Der Stoff könnte wohl aktueller nicht sein. Mich interessieren Stücke und Figuren, die uns heute etwas zu sagen haben, obwohl sie aus einer anderen Epoche zu uns sprechen.

Aber Berlin ist auch irgendwie zu Hause.

Du warst lange in Berlin zu Hause und lebst nun in Wien. Was macht für Dich den jeweiligen Reiz der beiden Musikstädte aus?

In Berlin brodelt das Leben auch im Untergrund, früher noch mehr als heute. Individualität spielt eine große Rolle. Und jedes Viertel hat seinen eigenen Charakter, was ein im besten Sinne inhomogenes Stadtbild ergibt. Von Wien hört man oft, es sei aus der Zeit gefallen. Das stimmt tatsächlich. Die Stadt ist wunderschön, elegant, hat Flair und Charme. Auch Berlin hat Charme, aber von einer ruppigeren Sorte (lacht). Wien ist für mich nach meinen vielen Jahren in Berlin ein wunderbarer Kontrast. Aber Berlin ist auch irgendwie zu Hause.

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