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Rundgang
„Fast alles im Universum ist vor Milliarden von Jahren in kosmischen Explosionen entstanden ist – einschließlich der Erde und unserer Körper, die damit wissenschaftlich belegt aus Überresten von Sternen bestehen.“
Unsuk Chin ist Trägerin des Ernst von Siemens Musikpreis und lebt seit 38 Jahren in Berlin – in ihren Worten „eine Großstadt mit dem Charme eines Dorfes“. Vier Werke der in Seoul geborenen, international vielfach ausgezeichneten Komponistin stehen 2026/27 beim Konzerthausorchester Berlin auf den Pulten.
Das Konzerthausorchester spielt Werke von Composer in Residence Unsuk Chin
„Subito con forza“ („plötzlich, mit Kraft“; 2020) steckt voller Anspielungen auf Beethovens Musik und schließt damit an den sinfonischen Gesamtzyklus an, den Joana Mallwitz rund ums Jahr seines 200. Todestags 2027 dirigiert. Unsuk Chin spricht von einer „persönlichen Hommage an den wohl ersten modernistischen Komponisten der Musikgeschichte. Beethovens Streben nach Originalität hat den Lauf der Musikgeschichte völlig verändert.“ Die Komponistin vertiefte sich in seine sogenannten ‚Konversationshefte‘: „Als sein Gehör nachließ, führte er sie, um mit der Außenwelt zu kommunizieren“, erzählt sie. „Der Inhalt reicht von banal bis tiefgründig und ist oft rätselhaft. Eine besondere Rolle für mich spielte die Notiz ‚Dur oder Moll. Ich bin der Sieger.‘ Sein Kampf um Kommunikation und sein Hörverlust führten wohl zu innerer Wut und Frustration, die sich möglicherweise in der extremen Bandbreite seiner musikalischen Sprache widerspiegelten, von vulkanartigen Ausbrüchen bis zu überirdischer Abgeklärheit.“
Unsuk Chins Cellokonzert (2009) lebt von der spannungsgeladenen „Rivalität“ zwischen Solist und Orchester: „Die ‚Aura‘ des Cellos war der ursprüngliche Kern und bildet die Grundlage der Musik, sodass die gesamte Struktur des Stücks vom Cello ‚getragen‘ wird. Das Orchester reagiert jedoch mit viel stärkerem Antagonismus darauf als in traditionellen klassisch-romantischen Konzerten. Um die Grenzen der Ausdruckskraft des Cellos auszuloten und die Definition von ‚Ausdruck‘ zu erweitern, verwende ich auch spezielle Spieltechniken und fordere ungewöhnliche Klangfarben, einschließlich Geräuschen und kratziger Töne. Die einzigartige Kunstfertigkeit von Solist Alban Gerhardt hat mich ungemein inspiriert. Nicht nur seinen Solopart, auch die Orchesterstimmen charakterisiert extreme Virtuosität.“
Eine lange Beschäftigung mit Astronomie und Physik verbirgt sich hinter „Le Chant des Enfants des Étoiles“ (2018), das im April im Rahmen unseres Festivals „Unter Sternen“ aufgeführt wird: „Fast alles im Universum ist vor Milliarden von Jahren in kosmischen Explosionen entstanden ist – einschließlich der Erde und unserer Körper, die damit wissenschaftlich belegt aus Überresten von Sternen bestehen.“ Anthropozentrismus ebenso wie nationaler, ethnischer und religiöser Chauvinismus erscheinen ihr angesichts dessen geradezu „absurd“. Die Texte zum Werk lieferten der metaphysische Barockdichter Henry Vaughan, die romantischen Visionäre William Blake und Percy Bysshe Shelley, Lyrikerinnen und Lyrikern der Moderne wie Giuseppe Ungaretti, Edith Södergran, Juan Ramón Jiménez, Eeva-Liisa Manner, Fernando Pessoa, Octavio Paz und Inger Christensen, dazu ein fast schon surreal anmutendes englisches Rätselgedicht des 17. Jahrhunderts.
Das vierte Werk ist ebenfalls kosmisch inspiriert: Ein „Alaraph“ (2022) ist ein sogenannter „Herzschlagstern“ mit regelmäßiger Pulsation. Es handelt sich dabei um pulsierende, veränderliche Doppelsternsysteme in exzentrischen Umlaufbahnen, deren Schwingungen durch Gezeitenkräfte verursacht werden. Die Lichtkurve des Sterns ähnelt dem Verlauf eines Herzschlags im Elektrokardiogramm, wenn seine Helligkeit über die Zeit aufgezeichnet wird. Doch auch Aspekte traditioneller Musik aus Korea spielen eine Rolle, und zwar „‚statische‘ höfische Ritualmusik ebenso wie lebhafte Volksmusik – sowohl was die Gestik als auch was die Werkstruktur betrifft“, führt Unsuk Chin aus. Zitate kommen jedoch nicht vor. Im Fokus steht die Perkussionsgruppe: „Im Gegensatz zu meinen anderen Orchesterwerken verzichte ich gänzlich auf melodische Schlaginstrumente wie Vibraphon oder Glockenspiel. Stattdessen werden die Eigenschaften rhythmischer Schlaginstrumente voll ausgeschöpft. Folglich zeichnet sich ‚Alaraph‘ durch Energie und Körperlichkeit aus.“