16.00 Uhr
Konzerthausorchester Berlin, RIAS Kammerchor, Joana Mallwitz
Vogler Quartett
Tim VoglerVioline
Frank Reinecke Violine
Stefan Fehlandt Viola
Stephan Forck Violoncello
Hagar Sharvit Mezzosopran
Robert Schumann (1810–1856)
Streichquartett Nr. 2 F-Dur, op. 41 Nr. 2
Allegro vivace
Andante quasi Variazioni – Molto più lento – Un poco più vivace – Tempo I –Coda. Un poco più lento
Scherzo: Presto – Trio. L’istesso tempo – Coda
Allegro molto vivace
Joseph Haydn (1732–1809)
„Arianna a Naxos“, Cantata für Mezzosopran und Klavier Hob XXVIb:2, in der Fassung für Mezzosopran und Streicher
Teseo mio ben (Rezitativ)
Dove sei, mio bel tesoro (Arie)
Ma, a chi parlo (Rezitativ)
Ah, che morir vorrei (Arie)
Pause
Gustav Mahler (1860–1911)
Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert
Ich atmet' einen linden Duft!
Liebst du um Schönheit
Blicke mir nicht in die Lieder
Ich bin der Welt abhanden gekommen
Um Mitternacht
Robert Schumanns Streichquartett Nr. 2 F-Dur
Nach ersten, nicht über Skizzen hinausgelangten Versuchen aus der Zeit um 1828/29 stellte sich Robert Schumann zehn Jahre später erneut den Ansprüchen der Königsgattung der Kammermusik. Nachdem er Quartette anderer Komponist*innen studiert hatte, legte er im Juli 1842 seine Quartett-Trias unter der Opuszahl 41 vor.
Der Kopfsatz des mittleren Quartetts wird von einem Hauptthema eröffnet, welches den Satz dominiert, während dem Seitenthema kaum mehr als der Rang einer Episode zukommt. In der Durchführung arbeitet Schumann ausschließlich mit dem Hauptthema. An ihrem Ende erklingt – losgelöst von seiner rhythmischen Gestalt – eine Tonfolge, in der er das Thema auf seine charakteristischen Intervalle gekürzt hat. In der Coda greift er darauf zurück und beendet den Satz mit einer Ausdehnung dieser verschatteten Gestalt des Hauptthemas. Als Vorbild für den langsamen Satz wird häufig die Variationenfolge aus Beethovens Quartett op. 127 angesehen. Beiden Sätzen eignet „der feierlich-andächtige Ton einer in sich selbst versunkenen Musik“ (Peter Gülke). Das Thema hat Schumann seinem 1832 entstandenen „Larghetto“ entnommen, das später Eingang in die „Albumblätter“ op. 124 gefunden hat. Dem c-Moll-Scherzo liegt ein einziges Motiv zugrunde: eine Achtelgirlande der Violine über Synkopen der übrigen Instrumente. Das in der Skizze noch als Rondo bezeichnete Finale ist dann zu einem knapp gehaltenen Sonatensatz gediehen. Das motorische Hauptthema öffnet den Weg des Seitenthemas, dessen dolce-Nachsatz auf die Melodie des Schlussliedes „Nimm sie hin denn, diese Lieder, die ich dir, Geliebte, sang“ aus Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ zurückgeht. In der Durchführung beschäftigt sich Schumann ausschließlich mit diesem Thema.
Joseph Haydns „Arianna a Naxos” Hob.XXVIb:2
Als Joseph Haydn im Winter 1790 nach England aufgebrochen war, hatte er seine vermutlich 1789 entstandene „Cantata a voce sola“ im Gepäck. Den in vier Abschnitte gegliederten Text hat er als zwei Paare aus Rezitativ und Arie vertont. Im Rezitativ I erwacht Arianna und sucht nach Theseus, hofft aber, dass er auf der Jagd sei. In der folgenden Arie fleht sie die Götter an, ihr Theseus zurückzubringen. Sie wird unruhig, weil er nicht antwortet. Ihr Gesang stockt, bis die Arie plötzlich abbricht. Im Rezitativ II dämmert ihr die bittere Erkenntnis: Sie steigt auf einen Felsen und erblickt am Horizont das Schiff, auf dem ihr Geliebter entschwindet, der von den Göttern zu neuen Heldentaten gerufen wird. In ihrer zweiten Arie gewinnt sie kurz die Fassung, bricht aber betäubt von Theseus’ Verrat zusammen.
Haydn hatte mit der „Cantata“ großen Erfolg, was sich neben den häufigen Aufführungen auch an den zahlreichen Drucken und Bearbeitungen ablesen lässt. Sein dem Verleger John Bland gegebenes Versprechen, das mit einer Klavierbegleitung versehene Stück zu orchestrieren, hat Haydn nicht eingelöst. Die zeitgenössische Fassung für Sopran und Streicher wird in der Library of Congress in Washington aufbewahrt und bietet weitaus mehr als eine bloße Instrumentierung des Klavierparts. Der Arrangeur ist unbekannt.
Gustav Mahlers Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert
Gustav Mahlers zwischen 1899 und 1902 entstandene „Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“ bilden keinen Zyklus. Mahler selbst führte sie in wechselnder Reihenfolge auf.
Im Gedicht „Ich atmet’ einen linden Duft“ verbindet Rückert das, was sich im realen Leben nicht fügt, durch dichterische Fantasie und erklärt bedeutungsverschiedene Worte mit Gleichlaut als einander verwandt. So wird das Gedicht poetischer Ausdruck der Sympathie, die Gegensätzliches vereint.
Über die Entstehung des Liedes „Liebst du um Schönheit“ hat Alma Mahler berichtet. „Da ich viel Wagner spielte, hatte sich Mahler einen lieben Scherz ausgedacht ... und das Lied zwischen Titelblatt und erste Seite der ‚Walküre’ gelegt. Eines Tages sagte er: „Heut möchte ich mit dir die ›Walküre‹ ein bissel anschauen“. Er schlug das Buch auf, und das Lied fiel heraus. Ich hatte eine grenzenlose Freude, und wir spielten das Lied an diesem Tage mindestens zwanzigmal.“
Im Gedicht „Blicke mir nicht in die Lieder“ vergleicht Rückert wie schon Seneca das künstlerische Schaffen mit der Honigproduktion der Bienen, um in lyrischen Ausdruck zu bringen, dass Einblicke in die Werkentstehung keine Einsichten in das Kunstwerk garantieren.
Im Gedicht „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ ist das lyrische Subjekt durch Einübung in Kunst und Religion bei sich selbst angelangt. Von Natalie Bauer-Lechner sind Mahlers Worte überliefert: „Das ist Empfindung bis in die Lippen hinauf, die sie aber nicht übertritt!“ Und: „Das bin ich selbst.“
Für die poetische Idee der Einkehr bei sich selbst findet Rückert im Gedicht „Um Mitternacht“ einen feierlichen Ton, den Mahler in seiner Vertonung zu einer apotheotischen Choralhymne steigert. Aus dem Lied wird ein Gebet.
„Ist es ein Frevel, große Musik nicht in der originalen Besetzung aufzuführen? Die „Rückert-Lieder“ von Mahler sind im Original für Singstimme und Orchester geschrieben. Der von Dietrich Henschel kongenial arrangierte Streichquartettsatz reduziert die Begleitung der Lieder auf das Wesentliche und ermöglicht eine farbenreiche Aufführung im Kammermusikkonzert. Es ist eine sinnreiche Variation der originalen Besetzung.“ (Tim Vogler)
„Arianna a Naxos“ (Übersetzung)
Rezitativ
Theseus, mein Leben, Du nicht hier? Wohin bist Du gegangen?
An meiner Seite wähnte ich Dich,
Doch ein schmeichelnder Traum fälschlich betrog mich.
Schon naht am Himmel Aurora,
Gras und Blumen färbt Phoebus,
da er mit goldener Mähne aus dem Meer emporsteigt.
Mein Gatte, geliebter Gatte, ach, Du erscheinst noch nicht?
Trieb vielleicht Dein edler Mut Dich,
den wilden Tieren nachzujagen?
Ach kehre, ach kehre zurücke, oh Liebster!
Ich werde Dir eine süßere Beute in Deinen Schlingen sein!
Ariannas liebendes Herz, das unverzagt Dich anbetet, binde an Dich mit festerem Knoten,
Und schöner noch leuchte die Flamme unserer Liebe.
Keinen Augenblick länger ertrag' ich die Trennung.
Dich zu sehen verzehr' ich mich,
Mein Herz seufzt nach dir, mein Angebeteter, komm!
Aria
Teurer Gatte, ach erscheine, bringe Ruhe in dieses Herz!
Ich sterbe, erscheinst du nicht!
Zu groß meine Schmerzen, als dass ich sie ertrüge.
Wenn Ihr Erbarmen habt, oh Götter,
so erhöret mein Flehen,
und bringt mir meinen Liebsten zurück!
Wo bist Du? Theseus!
Wo bist du?
Rezitativ
Doch zu wem sprech' ich? Meine Klagen wirft mir Echo nur zurück.
Theseus hört mich nicht, Theseus antwortet nicht,
Nur Wind und Wellen tragen meine Worte fort.
Unweit von mir müsste er sein.
Ich will die Felsklippe ersteigen,
von ihrer Spitze entdeck' ich ihn.
Was seh' ich, oh Götter, ich Elende?
Dort ist das Schiff aus Argos
Da sind die Griechen – Theseus! Am Bug!
Ach, hätte ich mich doch getäuscht ...
Aber nein –, er ist es,
Er flieht, hier lässt er mich alleine
Keine Hoffnung - ich bin verraten!
Theseus! Theseus! Ach höre mich!
Aber ach, was rede ich denn!
Schon entreissen ihn auf ewig
die Fluten und Winde meinen Augen.
Ach, ungerecht seid Ihr, oh Götter,
wenn Ihr den Verräter nicht straft!
Undankbarer! Warum nur errettete ich Dich vor dem Tode.
damit Du mich betrögest?
Und deine Versprechen und Schwüre?
hast Du gebrochen, oh Treuloser!
Mich hier allein zu lassen, hast Du das Herz?
An wen soll ich mich wenden,
von wem soll ich Erbarmen erhoffen?
Schon wanke ich, meine Füße haltlos,
und in so bitterem Augenblick
fühl ich in meiner Brust die zitternde Seele mir schwinden.
Aria
Ah! Möge mich in diesem schicksalsvollen Augenblick
doch der Tod ereilen!
Aber der ungerechte Himmel
überlässt mich meinen furchtbaren Qualen.
Ich Elende, Verlassene
habe niemanden, der mich tröstet.
Der, den ich liebte,
er floh, grausam und untreu hinweg.
Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert
Ich athmet’ einen linden Duft
Im Zimmer stand
Ein Angebinde
Von lieber Hand,
Ein Zweig der Linde;
Wie lieblich war der Lindenduft!
Wie lieblich ist der Lindenduft!
Das Lindenreis
Brachtst du gelinde;
Ich athme leis
Im Duft der Linde
Der Herzensfreundschaft linden Duft
Bei Mahler lautet die letzte Verszeile:
Der Liebe linden Duft.
Sicilianisches
Liebst du um Schönheit,
o nicht mich liebe!
Liebe die Sonne,
sie trägt ein goldnes Haar!
Liebst du um Jugend,
o nicht mich liebe!
Liebe den Frühling,
der jung ist jedes Jahr!
Liebst du um Schätze,
o nicht mich liebe!
Liebe die Meerfrau,
sie hat viel Perlen klar!
Liebst du um Liebe,
o ja - mich liebe!
Liebe mich immer,
dich lieb ich immerdar!
Verbotener Blick
Blicke mir nicht in die Lieder!
Meine Augen schlag’ ich nieder,
Wie ertappt auf böser That;
Selber darf ich nicht getrauen,
Ihrem Wachsen zuzuschauen;
Deine Neugier ist Verrat.
Bienen, wenn sie Zellen bauen,
Lassen auch nicht zu sich schauen,
Schauen selbst sich auch nicht zu.
Wann die reifen Honigwaben
Sie zu Tag gefördert haben,
Dann vor allem nasche du!
Bei Mahler, lauten die Verse neun und zehn:
Schauen selbst auch nicht zu.
Wenn die reichen Honigwaben
Ich bin der Welt abhanden gekommen
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält;
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgewimmel,
Und ruh’ in einem stillen Gebiet.
Ich leb’ in mir und meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied.
Bei Mahler lautet es im dritten Vers
„so lange nichts von mir“
und im neunten Vers: „Weltgetümmel“
Um Mitternacht
Um Mitternacht
Hab’ ich gewacht
Und aufgeblickt zum Himmel;
Kein Stern vom Sterngewimmel
Hat mir gelacht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Hab’ ich gedacht
Hinaus in dunkle Schranken;
Es hat kein Lichtgedanken
Mir Trost gebracht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Nahm ich in Acht
Die Schläge meines Herzens;
Ein einz’ger Puls des Schmerzens
War angefacht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Kämpf’ ich die Schlacht,
O Menschheit, deiner Leiden;
Nicht konnt’ ich sie entscheiden
Mit meiner Macht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Hab’ ich die Macht
In deine Hand gegeben:
Herr über Tod und Leben,
Du hälst die Wacht
Um Mitternacht.
Das Ensemble, das seit 1985 in unveränderter Besetzung spielt, wurde bereits ein Jahr nach seiner Gründung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin mit dem Ersten Preis beim Streichquartettwettbewerb in Evian 1986 international bekannt. Eberhard Feltz, György Kurtág und das LaSalle Quartett wurden zu seinen prägenden Mentoren. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Haydn über Bartók und die Zweite Wiener Schule bis zu Neuer Musik. Regelmäßig arbeitet das Vogler Quartett mit Künstlern wie Jörg Widmann, David Orlowsky, Salome Kammer, Jochen Kowalski, Tatjana Masurenko oder Oliver Triendl zusammen. In der Vergangenheit konzertierte es unter anderem auch mit Lynn Harrell, James Levine, Bernard Greenhouse, Boris Pergamenschikow und Menahem Pressler.
In den europäischen Musikzentren fühlen sich die vier Musiker ebenso zu Hause wie in den USA, Japan, Australien und Neuseeland. Seit 1993 veranstaltet das Vogler Quartett im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt eine eigene Konzertreihe, seit 2000 ebenfalls in Neubrandenburg. 2000 gründete das Ensemble das jährlich stattfindende Kammermusikfestival „Musik in Drumcliffe“ im irischen Sligo und übernahm 2002 die künstlerische Leitung der Kammermusiktage Homburg (Saar). Die Mitglieder des Vogler Quartetts unterrichten an den Hochschulen in Berlin, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart und geben Meisterkurse im In- und Ausland. Als Nachfolger des Melos-Quartetts hatte das Vogler Quartett die Professur für Kammermusik an der Musikhochschule in Stuttgart inne. Im Bereich der Musikvermittlung ist es bei „Musik in Drumcliffe“ und seit 2005 auch bei den Nordhessischen Kindermusiktagen tätig.
Anlässlich des 30-jährigen Quartettjubiläums erschien 2015 im Berenberg Verlag das Buch „Eine Welt auf sechzehn Saiten – Gespräche mit dem Vogler Quartett“. Die Diskographie des Ensembles umfasst Werke unter anderem von Beethoven und Schubert, Mendelssohn und Schumann, Reger und Schulhoff, Hartmann und Golijov, ein Tango-Album mit dem Bandoneonisten Marcelo Nisinman und die CD „Paris Days – Berlin Nights“ mit Ute Lemper und Stefan Malzew. Sukzessive entsteht eine Gesamtaufnahme der Dvořák-Quartette für das Label cpo. Anfang 2021 erschienen Alben beim Label Capriccio mit Werken von Georgi Catoire (mit Oliver Triendl) und Grigori Frid (mit Elisaveta Blumina).
Hagar Sharvit, in Tel Aviv geboren, ist eine israelische Mezzosopranistin mit besonderem Schwerpunkt auf dem Liedgesang. Nach ihrem Studium an der Buchmann-Mehta School of Music setzte sie ihre künstlerische Laufbahn in Europa fort. Sie ist Preisträgerin mehrerer internationaler Wettbewerbe, darunter der Erste Preis sowie der Publikumspreis beim internationalen Liedwettbewerb „Das Lied“.
Als gefragte Liedinterpretin gastiert sie regelmäßig in renommierten Konzertsälen und Festivals wie dem Pierre Boulez Saal und dem Konzerthaus Berlin, der Elbphilharmonie, dem Lucerne Festival, dem Heidelberger Frühling, dem Kissinger Sommer sowie dem Ravinia Festival. Sie arbeitet mit bedeutenden Liedpianist*innen wie Graham Johnson, Helmut Deutsch, Eric Schneider und Ammiel Bushakevitz zusammen und widmet sich einem breiten Repertoire vom deutschen und französischen Kunstlied bis hin zu englischen, spanischen, italienischen und israelischen Liedern.
Neben ihrer intensiven Konzerttätigkeit ist Hagar Sharvit auch auf der Opernbühne aktiv und gastierte unter anderem an Häusern wie der Deutschen Oper am Rhein und dem Teatro Carlo Felice in Genua.