Vogler Quartett

von Dr. Sebastian Urmoneit 19. Oktober 2023

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Inhalt

Vogler Quartett
   Tim Vogler Violine
   Frank Reinecke Violine
   Stefan Fehlandt Viola
   Stephan Forck Violoncello

Frank Dupree Klavier

Joseph Haydn (1732 – 1809)

Streichquartett Es-Dur op. 64 Nr. 6 Hob III: 64
Allegretto
Andante
Menuetto. Allegretto
Finale. Presto


Igor Strawinsky (1882 – 1971)

Concertino für Streichquartett


PAUSE
 

Edward Elgar (1857 – 1934)

Quintett für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello a-Moll op. 84
Moderato  – Allegro
Adagio
Andante – Allegro

Kammermusikalische Visitenkarte - Haydns Es-Dur-Quartett op. 64 Nr. 6

Nach dem Tod von Fürst Nikolaus Esterházy und der Auflösung von dessen Hofkapelle 1790 arbeitete Haydn zum ersten Mal in seinem Leben als freischaffender Komponist; seine gerade entstandene Serie von sechs Streichquartetten op. 64 widmete er „Monsieur Jean Tost“. Tost, ehemaliger Stimmführer der zweiten Geigen der Hofkapelle, versuchte sich inzwischen als Geschäftsmann, was Haydn für den Vertrieb seiner Kompositionen nutzen wollte. Doch nachdem er erfahren musste, dass Tost dem Pariser Verleger Sieber unter anderem auch eine Sinfonie von Adalbert Gyrowetz unter Haydns Namen verkauft hatte, beendete er die Beziehung und ließ die Widmung der Quartett-Serie bereits in der zweiten Auflage von 1793 streichen.

Im Kopfsatz des Es-Dur-Quartetts ist der monothematische Sonatensatz so mit einer Variationenfolge verschränkt, dass an den Schnittstellen der Sonatenform Varianten der Phrase des Hauptthemas erklingen: Während diese zu Beginn einem Kristall aus vier Stimmen gleicht, bildet sie im Seitenthema den Dux eines Kanons, der in der Durchführung entfaltet wird. Die Scheinreprise fällt dann mit der vierten Variation, die eigentliche Reprise mit der fünften zusammen. Im langsamen Satz sucht Haydn die Verbindung aus vokaler und instrumentaler Musik: Ein schlichtes Lied in B-Dur umrahmt einen Kontrastteil in b-Moll, in dem – einem „Quatuor concertant“ französischer Prägung ähnlich – die erste Violine wie ein Soloinstrument dominiert. Einem Wort Adornos zufolge steht das Menuett in Haydns Instrumentalmusik für „das Einverständnis von Graf und Kutscher als soziales Modell künstlerischer Integration“ – in der Tat hat er hier volkstümliche und höfische Idiome miteinander verbunden. Im Schlusssatz werden Rondo und Sonate zusammengebracht. Mit seinen Überraschungseffekten bildet dieser Kehraus das Gegenstück zum Kopfsatz.

Eine richtige Nähmaschine - Strawinskys Concertino für Streichquartett

Igor Strawinsky

Auf Anfrage Alfred Pochons, dem Gründer und Primarius des Flonzaley-Quartetts, hatte Strawinsky 1914 seine „Trois pièces pour quatuor à cordes“ geschrieben. Auch das im Sommer 1920 in Carantec und in Garches komponierte Concertino für Streichquartettist speziell für dieses Ensemble entstanden. In seinen „Erinnerungen“ erläuterte Strawinsky, dass er für den Titel dieses Quartettstücks darum die Diminutivform „Concertino (Piccolo Concerto)“ gewählt hätte, weil es „nur aus einem Satz besteht, der in freier Form dem Allegro einer Sonate nachgebildet ist“. Die erste Violine behandelte er „rein konzertant“ – und dies, obwohl er, der von Hause aus Pianist war, nur wenig Erfahrung mit der Violine hatte.

Das Concertino gehört zu Strawinskys neoklassizistischen Arbeiten, die eine Nähe zum Divertissement suchen. Seinem damalige Stil entsprechend schrieb er es sehr motorisch. Nach der Uraufführung rief er begeistert aus: „Es war eine richtige Nähmaschine!“

Von gespenstischem Stoff - Elgars Klavierquintett

Edward Elgar, der sein Land auf dem Weg zum imperialen und wirtschaftlichen Weltruhm begleitet hatte, war durch den Ersten Weltkrieg desillusioniert. Doch es war nicht allein der Krieg, der seinen Glauben an die Menschheit erschüttert hatte. Ihn belasteten auch persönliche Dinge wie das Bewusstsein eigener physischer Hinfälligkeit, die Sorge um die Gesundheit seiner Frau und der Tod seiner Freunde. Auch in der Kunst hatte ein neues Zeitalter begonnen, mit dem er sich nicht anfreunden wollte. Abseits von London, in der Nähe von Fittleworth, West Sussex, fand er in einem kleinen Haus namens Brinkwells eine Zuflucht. Dort schrieb er – von wenigen Ausnahmen abgesehen, wo er doch in seinem Londoner Wohnsitz, in Severn House, arbeiten musste – seine letzten großen Kompositionen. In ihnen verzichtete er nicht allein auf die Emphase und das Pathos, sondern auch auf den Humor und den Esprit seiner früheren Werke.

Sein zwischen 1918 und 1919 entstandenes Klavierquintett eröffnet eine Einleitung im Moderato, worin die ersten vier Töne des Cantus planus „Salve regina“ (tono solemni) „serioso“ zu spielen sind. Dieses Motiv kehrt im gesamten Quintett wieder. Seine Ehefrau Alice notierte in ihr Tagebuch: „Wunderbar seltsamer Beginn, dieselbe Atmosphäre wie in ‚Owls‘ [das Chorlied op. 53 Nr. 4], offenbar Erinnerung der sinistren Bäume und Eindruck von Flexham Park … traurige ‚enteignete‘ Bäume und ihr Tanz, ruheloses Bedauern ihres bösen Schicksals – oder Fluchs.“ (Übersetzung: Viola Scheffel)

Dem Widmungsträger Ernest Newman, einem Musikwissenschaftler, mit dem Elgar freundschaftlich verbunden war, teilte er 1931 mit, dass das Klavierquintett von „gespenstischem Stoff“ sei. So soll eine Legende über eine alte Gemeinschaft von Mönchen, die eventuell spanischer Herkunft waren, in das Werk eingegangen sein. Möglicherweise ließ er darum das zweite Thema so vom Klavier wie mit gezupften Gitarrenklängen begleiten, dass spanisch-maurischer Folklore anklingt. Der letzte Satz geht auf das Anfangsmotiv zurück. Die Coda, in der es den Schlusspunkt setzt, nannte Elgar selbst die „Apotheose des Werkes“ – doch auch in ihr wird Spätromantik als gebrochen erfahrbar.

Vogler Quartett

Das Ensemble, das seit 1985 in unveränderter Besetzung spielt, wurde bereits ein Jahr nach seiner Gründung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin mit dem Ersten Preis beim Streichquartettwettbewerb in Evian 1986 international bekannt. Eberhard Feltz, György Kurtág und das LaSalle Quartett, hier vor allem Walter Levin, förderten das Quartett und wurden zu prägenden Mentoren. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Haydn über Bartók und die Zweite Wiener Schule bis zu Neuer  Musik. Regelmäßig arbeitet das Vogler Quartett mit renommierten Musikerkolleg*innen zusammen.

In den europäischen Musikzentren fühlen sich die vier Musiker ebenso zu Hause wie in den USA, Japan, Australien und Neuseeland. Seit 1993 veranstaltet das Vogler Quartett im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt eine eigene Konzertreihe, seit 2000 ebenfalls in Neubrandenburg. 2000 gründete das Ensemble das jährlich stattfindende Kammermusikfestival „Musik in Drumcliffe“ im irischen Sligo und übernahm 2002 die künstlerische Leitung der Kammermusiktage Homburg/Saar. Die Mitglieder des Vogler Quartetts unterrichten an den Hochschulen in Berlin, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart und geben Meisterkurse in Europa und Übersee; im Bereich der Musikvermittlung sind sie bei „Musik in Drumcliffe“ und seit 2005 bei den mehrfach ausgezeichneten Nordhessischen Kindermusiktagen tätig. Die Diskographie des Vogler Quartetts beinhaltet Einspielungen für die Labels BMG/RCA, Nimbus, col legno, cpo und die „Profil”-Edition Günter Hänssler. Die bei Sony erschienene CD „Paris Days – Berlin Nights“ mit Ute Lemper und Stefan Malzew erhielt eine Grammy-Nominierung. Derzeit entsteht eine Gesamtaufnahme der Dvořák-Quartette für das Label cpo.

Frank Dupree

ist Gewinner des Opus Klassik 2018 („Konzerteinspielung des Jahres, 20./21. Jahrhundert)“ und war 2014 einziger Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs. Ursprünglich als Jazz-Schlagzeuger ausgebildet, widmet er sich seit längerem einem breiten Klavierrepertoire mit besonderem Schwerpunkt bei der Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Er begeistert das Publikum als Solist mit Orchestern, als Dirigent sowie als Jazz-Pianist des Frank Dupree Trios. In dieser Saison debütiert er unter anderem als Solist beim Philharmonia Orchestra und spielt Kammermusik und Rezitale in New York, London, Amsterdam und Linz. Seine CD-Produktionen widmen sich derzeit besonders den Werken des in der Ukraine geborenen Komponisten Nikolai Kapustin (1937-2020). Seit 2023 ist er Artistic Partner des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn.

Sein Solistenexamen legte Frank Dupree an der Hochschule für Musik Karlsruhe ab, Meisterkurse führten ihn unter anderem zu Emanuel Ax und Menahem Pressler. Er war Stipendiat der Deutschen Stiftung Musikleben sowie der Studienstiftung des deutschen Volkes und ist offizieller Steinway-Künstler.

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