14.00 Uhr
Espresso-Konzert
ALEXANDRA KEHRLE Klarinette
AVIGAIL BUSHAKEVITZ Violine
TANELI TURUNEN Violoncello
FLORIAN VON RADOWITZ Klavier
STEPHAN SZÁSZ Lesung und Textauswahl
DAS PROGRAMM
MASCHA KALÉKO (1907 - 1975) „Memento“
OLIVIER MESSIAEN (1908 - 1992)
„Quatuor pour la fin du temps“ für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier
1. „Liturgie de cristal“ (Kristallene Liturgie)
MASCHA KALÉKO „Überfahrt“
2. „Vocalise, pour l’ange qui annonce la fin du temps“ (Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet)
MARY SHELLEY (1797 - 1851) „The Last Man“ (Band III, Kapitel 10)
3. „Abîme des oiseaux“ (Abgrund der Vögel)
FORUGH FARROCHZĀD (1935 - 1967) „Rebellischer Gott“
4. „Intermède“ (Zwischenspiel)
ERICH KÄSTNER (1899 - 1974): „Die Maulwürfe oder Euer Wille geschehe“
5. „Louange à l’éternité de Jésus“ (Lobpreis der Ewigkeit Jesu)
DYLAN THOMAS (1914 - 1953) „Do not go gentle into that good night“
6. „Danse de la fureur, pour les sept trompettes“ (Tanz des Zorns für die sieben Trompeten)
„Die Apokalypse des Johannes“ (Lutherbibel: Kapitel 6, 12-17 und 21, 1-5)
7. „Fouillis d’arcs-en-ciel, pour l’ange qui annonce la fin du temps“ (Wirbel der Regenbögen für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet)
FORUGH FARROCHZĀD „Eine weitere Geburt“
8. „Louange à l’immortalité de Jésus“ (Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu)
„Und ich wiederhole, was ich schon zuvor gesagt habe: alles dies bleibt Versuch und Stammeln, wenn man die erdrückende Größe des Themas bedenkt!“ Mit diesem Satz schloss Olivier Messiaen die ausführlichen Programmhinweise, die er für die Veröffentlichung seines „Quatuor pour la fin du temps“ verfasst hatte. Erdrückend, ja. Kaum auszuhalten war es damals, bei Nancy mitten auf dem Feld, ohne Schutz vor den deutschen Soldaten, die sie eingekesselt hatten. Man wartete und wartete und wusste, dass das, worauf man wartete, grausam war. In dieser Umgebung, mit diesem Gefühl komponierte Messiaen die ersten Takte für sein Stück, das vielleicht das wichtigste Kammermusikwerk des 20. Jahrhunderts ist. Es kam einige Monate später, im Gefangenenlager bei Görlitz, zur Uraufführung. Immer noch erdrückend.
Man kann und sollte keine Vergleiche anstellen. In der Geschichte der Menschheit gab und gibt es immer wieder Zeiten, die sich dem Ende nah anfühlen. Unfassbar erdrückend. Jetzt gerade in der Ukraine, im Iran. Wie viele Enden kann der Mensch noch aushalten? Messiaen fand damals in seinem christlichen Glauben Halt. Und er fand in diesem Glauben auch die Musik. Aber die Musik Messiaens, die kommt auch ohne Glauben aus. Durch ihre Transzendenz bietet sich auch Menschen etwas, die wir zwar mit dem Konzept des Göttlichen, aber nicht mit dem System Kirche etwas anfangen können.
Messiaen wurde 1939 von der französischen Armee zum aktiven Dienst eingezogen und diente als Krankenpfleger. Kurz darauf geriet er in deutsche Gefangenschaft und wurde in das Kriegsgefangenenlager Stalag VIIA in Görlitz gebracht. Dort waren fast 50.000 französische und belgische Gefangene in 30 Baracken zusammengepfercht. „Als ich im Lager ankam, wurden mir wie allen Gefangenen alle Kleider vom Leib gerissen“, erzählte Messiaen später. „Doch so nackt ich auch war, klammerte ich mich verzweifelt an einen kleinen Beutel mit Partituren, die mir Trost spendeten. Die Deutschen hielten mich für völlig harmlos und erlaubten mir nicht nur, meine Partituren zu behalten, sondern ein Offizier gab mir sogar Bleistifte, Radiergummis und etwas Notenpapier.“ Und so begann Messiaen zu komponieren.
Er erinnerte sich an Fragmente, die er für frühere Werke bereits zu Papier gebracht hatte. An „Louange à l’éternité de Jésus“ für Cello und Klavier, an „Fête des belles eaux“ für das elektronische Tasteninstrument mit dem Namen Ondes Martenots, an „Abîme des oiseaux“, das er kurz vorher bei Nancy auf dem freien (und doch nicht so freien) Feld komponiert hatte. Fehlten noch fünf weitere Sätze, denn acht sollten es werden. Warum? Sieben Tage dauerte die Schöpfung und „dieser siebte Tag dehnt sich aus in die Ewigkeit und wird zum achten des unauslöschlichen Lichts und des unvergänglichen Friedens.“ Sobald er ein Klavier zur Verfügung hatte, brauchte Messiaen nicht mehr lange. Er komponierte für die ihm zur Verfügung stehenden Instrumente und Musiker: Klarinette, Violine, Cello und Klavier. Eine ungewöhnliche Besetzung, die der Situation geschuldet ist und heute eher dazu führt, dass das Stück nicht allzu häufig aufgeführt wird. Tatsächlich ist es auch gar nicht so leicht, die sehr unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente miteinander in Verbindung zu bringen. Aber Messiaen hat das herausragend gemeistert.
Jeder Satz des Quartetts bezieht sich auf die apokalyptische Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments aus der christlichen Bibel. Die Wucht des Quartetts entfaltet sich in wirbelnden Rhythmen, daneben erklingen Passagen ätherischer Ruhe – eine wunderschöne Vision der Ewigkeit.
Nach der Uraufführung am 15. Januar 1941 in Görlitz trug Messiaen selbst zur Legendenbildung bei. Zum einen soll das Cello vom Mit-Strafgefangenen Êtienne Pasquier mit nur drei Saiten bespannt gewesen sein, und es sollen Tausende dieser ersten Aufführung beigewohnt haben. Belegt ist dagegen eher, dass die deutsche Lagerleitung anwesend war, umgeben von rund 400 Franzosen, die aufgrund der Kälte in geflickte tschechische Uniformen und Holzpantoffeln gestopft worden waren. Viele davon hörten zum ersten Mal in ihrem Leben zeitgenössische klassische Musik. „Niemals wieder wurde mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört“, meinte Messiaen Jahrzehnte später.
Einer der Mitgefangenen hatte ein Programmheft entworfen, das sogar mit einem deutschen „Genehmigt“-Stempel versehen worden war. In diesem stellte Messiaen selbst den Bezug zu jenem Engel aus der Offenbarung nach Johannes her, der – die Hände zum Himmel erhoben – das Ende jeglicher Zeit verkündet. In Gänze zitierte Messiaen direkt aus Offenbarung, Kapitel 10 die Verse 1, 2 und 5 bis 7:
„Und ich sah: Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. In der Hand hielt er ein geöffnetes kleines Buch. Er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken auf das Land. (…) Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf dem Land stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel. Er schwor bei dem, der in alle Ewigkeit lebt, der den Himmel erschaffen hat und was darin ist, die Erde und was darauf ist, und das Meer und was darin ist: Es wird keine Zeit mehr bleiben, sondern in den Tagen, wenn der siebte Engel seine Stimme erhebt und seine Posaune bläst, wird auch das Geheimnis Gottes vollendet sein; so hatte er es seinen Knechten, den Propheten, verkündet.“
Alexandra Kehrle wurde im bayerischen Weißenhorn geboren, hat in München bei Ulf Rodenhäuser sowie in Berlin bei Karl-Heinz Steffens studiert und war Stipendiatin der Orchesterakademie der Staatskapelle Berlin. Die Solo-Es-Klarinettistin ist seit 2007 Mitglied des Konzerthausorchesters.
wurde in Israel geboren und ist in Südafrika aufgewachsen. Sie studierte an der New Yorker Juilliard School bei Sylvia Rosenberg, anschließend in Tel Aviv sowie schließlich in Berlin bei Ulf Wallin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Seit 2014 ist sie Mitglied im Konzerthausorchester Berlin. Am Konzerthaus spielt sie außerdem im Franz Trio und im Konzerthaus Kammerorchester. Sie gewann Violinwettbewerbe in Israel, Spanien und Südafrika und tritt als Solistin regelmäßig mit allen großen Sinfonieorchestern Südafrikas auf. Als Kammermusikerin konzertiert sie unter anderem in Duoprogrammen mit ihrem Bruder, dem Pianisten Ammiel Bushakevitz.
studierte Cello und Gesang an der Sibelius-Akademie in seiner Heimatstadt Helsinki, danach Cello bei Frans Helmerson in Köln. Seit 2002 ist der Stellvertretende Solo-Cellist Mitglied des Konzerthausorchesters Berlin. Er verfolgt eine umfangreiche Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker, ist Sänger von „Tango Finlandés“ und hat für das schwedische Label „BIS“ aufgenommen.
studierte an den Musikhochschulen in Mannheim und Berlin. Er ist Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe. Als Kammermusiker konzertierte er in unterschiedlichen Formationen in zahlreichen Ländern Europas sowie in Kanada und Südamerika. Neben Besetzungen mit Streichinstrumenten und Holzbläsern gilt sein besonderes Interesse dem Repertoire für klassisches Saxofon. In diesem Bereich arbeitet er mit international renommierten Künstlerinnen und Künstlern zusammen – sowohl konzertant als auch als Dozent bei Meisterkursen. Lehrtätigkeiten führten ihn unter anderem an die Hochschule für Musik Basel und die Universität der Künste Berlin.
Weitere Infos: www.florianvonradowitz.de
studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Es folgten Engagements u.a. am Schauspiel Köln, Schauspielhaus Zürich, Nationaltheater Mannheim und dem Nationaltheater Weimar. Er war in zahlreichen Hauptrollen, u.a. in „Faust“ und „Jedermann“ sowie Fernseh- und Kinoproduktionen, u.a. „Das Experiment“, „Tatort“, „Geister, die ich rief“, „Polizeiruf 110“ zu erleben. Seit drei Jahren ermittelt er als Kommissar Georg König in der ZDF-Reihe „Katharina Tempel“. Szász ist künstlerischer Leiter des Musik- und Literaturfestivals „Wege durch das Land“ in Ostwestfalen-Lippe sowie Mitglied der Deutschen Filmakademie, der Deutschen Fernsehakademie und des Bundesverbandes Schauspiel BFFS.
Weitere Informationen: www.stephan-szasz.de