Coming Home with Music

von Renske Steen 15. Februar 2026

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Inhalt

REGINALD MOBLEY Countertenor
LAUTTEN COMPAGNEY BERLIN
WOLFGANG KATSCHNER Musikalische Leitung

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL (1685 - 1759)
Grave aus dem Concerto grosso d-Moll op. 3 Nr. 5 HWV 316

Arie „Kind heaven, if virtue be thy care" aus dem Oratorium „Theodora"

STEVIE WONDER (*1950)
„Have a talk with god"*

SPIRITUAL / TRADITIONAL
„When Israel was in Egypt's land"


GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
„On the valleys, dark and cheerless" – Air aus dem Oratorium „The triumph of time and truth"

SPIRITUAL / TRADITIONAL
„Sometimes I feel like a motherless child"*

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Arie „But who made abide the day of his coming" aus dem Oratorium „Messiah"  

Arie „May at last my weary age" aus dem Oratorium „L’Allegro"

BLIND WILLIE JOHNSON (1897 – 1945) 
„Nobody's fault but mine"* 

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL 
Menuett und Gavotte aus dem Concerto grosso B-Dur op. 3 Nr. 2 HWV 313


SPIRITUAL / TRADITIONAL
„Weepin' Mary"

ANONYM (CA. 1616)
„The Willow Song"

NINA SIMONE (1933 – 2003) 
„Images"*


Pause


THOMAS RAVENSCROFT (1592 – 1635) 
„The Three Ravens"

SPIRITUAL / TRADITIONAL
„I've been in the storm so long"*

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL 
Courante aus dem Oratorium „Theodora"

Arie „Gloomy tyrants! we disdain all the terrors" aus dem Oratorium „Athalia"  

SPIRITUAL / TRADITIONAL
„Lay this body down"*

STEVIE WONDER (*1950)
„Village ghetto land"*

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL 
Arie „Like the shadow, life ever is flying" aus dem Oratorium „The triumph of time and truth"


Bourrée aus dem Concerto grosso d-Moll op. 3 Nr. 5 HWV 316

Arie „O thou, that tellest good tidings to Zion" aus dem Oratorium „Messiah"  

Arie „Heroes, when with glory burning" aus dem Oratorium „Joshua"  

SPIRITUAL / TRADITIONAL
„Joshua fit the Battle of Jericho"


*Bearbeitung für Gesang und Ensemble von Bo Wiget
 

AUF DER SUCHE NACH ZUGEHÖRIGKEIT

Die Gleichzeitigkeit der Dinge: Während wir an diesem Sonntagvormittag im Kleinen Saal sitzen, sind die Vorbereitungen für landesweite Feierlichkeiten und Festakte zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der USA in vollem Gange. Schon seit mehreren Monaten feiern die Menschen in Nordamerika diesen Moment im Jahr 1776, als sie sich von Großbritannien lossagten und einen souveränen Staatenbund gründeten. Der 4. Juli ist seitdem traditionell der Tag, an ddem ie US-amerikanische Flagge wirklich überall hängt und Flugzeuge blaue, weiße und rote Streifen in den Himmel ziehen. In diesem Jahr ganz besonders.

Während wir hier sitzen, während die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA laufen, verhaften ICE-Mitarbeiter aber auch Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte aus ihren Wohnungen und Häusern heraus und halten sie in Abschiebezentren fest – ohne Kontakt zu ihren Zugehörigen, ohne klare Regeln oder transparente Prozesse. Und damit verstößt die US-amerikanische Einwanderungsbehörde gegen den vierten Zusatzartikel der „Bill of Rights“ – jener ebenfalls von Thomas Jefferson initiierten und befürworteten rechtlichen Grundlage für die Unabhängigkeit der USA und damit das Fundament der amerikanischen Bürgerrechte. In diesem vierten Zusatzartikel heißt es: »Das Recht der Bürger auf Sicherheit ihrer Person, ihrer Häuser, ihrer Dokumente und ihres Eigentums vor ungerechtfertigten Durchsuchungen und Beschlagnahmungen darf nicht verletzt werden, und Durchsuchungsbefehle dürfen nur aufgrund eines hinreichenden Verdachts, der durch Eid oder eidesstattliche Erklärung bekräftigt wird und in dem der zu durchsuchende Ort und die zu beschlagnahmenden Personen oder Gegenstände genau beschrieben sind, ausgestellt werden.«

Es gibt Menschen in den USA, die um ihr Zuhause und um ihre Sicherheit bangen müssen. Die sich nicht mehr sicher fühlen, obwohl ihnen die „Bill of Rights“ eigentlich genau das verspricht. Solche Zeiten gab es immer wieder seit 1791. Für viele Gesellschaftsgruppen ist dieses unsichere Gefühl sogar Dauerzustand. Und trotzdem nennen sie die USA ihr Zuhause. Reginald Mobley ist einer von ihnen. Der Sänger wurde 1977 in Florida geboren und konnte dank eines Stipendiums ein Studium an der afroamerikanischen Oakwood University in Alabama beginnen. Seine Karriere als Countertenor nahm vor allem in Europa richtig Fahrt auf, dank der Zusammenarbeit mit herausragenden Spezialistinnen und Spezialisten für Alte Musik.

Als er gemeinsam mit der lautten compagney BERLIN dieses Konzertprogramm plante, hat Reginald Mobley sicherlich nicht geahnt, wie aktuell und passend es heute sein würde. Seine Heimat befindet sich in einem politischen Ausnahmezustand. Die Ereignisse in den USA überschlagen sich in einer Weise, die für uns hier in Europa gleichzeitig bedrohlich nah und verrückt weit weg erscheinen. Aber die Aktualität der Programmauswahl ist beeindruckend. Und gleichzeitig fühlt es sich erbarmungslos an, wie zeitgemäß Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist oder wieviel Wahrheit in Songtexten von 1967 steckt.

Die Spirituals machen deutlich, wie lang Zuhause, Heimat, Vertreibung, Entwurzelung bereits Themen der Menschheit sind: Als Israel in Ägypten festgehalten wurde und nicht in seine Heimat zurückkehren durfte, als sich Afroamerikaner 1870 in den Südstaaten der USA mutterseelenallein und verlassen fühlten, heimatlose Sklaven, nicht mehr. Den „American Dream“ können eben doch nicht alle gleichberechtigt für sich in Anspruch nehmen.

Stevie Wonders Album „Songs in the Key of Life“ gehört nicht zu seinen bekanntesten. Er veröffentlichte es 1976, die Musik spielte er komplett selbst auf einem Synthesizer ein, der Klang ist ungewohnt orchestral, aber auch ein bisschen edgy. „Village Ghetto Land“ klingt fast wie ein Hochzeitszug und ist doch eigentlich das genaue Gegenteil. Im Duktus eines Weihnachtsliedes zeichnet Wonder ein erschütterndes Bild von städtischem Verfall, Gewalt und aktiver struktureller Benachteiligung. Er singt von Obdachlosen, die in Mülltonnen nach Essbarem suchen, von Blut und Scherben auf den Straßen, von Kugeln, die durch die Luft pfeifen, von Menschen, die sich verängstigt hinter verschlossenen Türen verstecken, Familien, die sich von Hundefutter ernähren, Plutokraten, die ihr räuberisches Vermögen mehren, während Bedürftige sich wegen Essensresten gegenseitig umbringen. Und am Ende die Frage an seine mehrheitlich weiße Hörerschaft: „Sag’, wärst du glücklich in Ghetto-Land?“

Was kann eine Antwort sein in einer Welt ohne Alternative? Stevie Wonder liefert zumindest die Möglichkeit einer Erwiderung, einen Track vorher auf demselben Album: „Have a Talk With God“. Die Flucht in die Religion, die Möglichkeit einer Heimat außerhalb eines unsicheren Zuhauses.

In der Religion hat auch Georg Friedrich Händel eine Heimat gefunden, als er weit entfernt von einem wahren Zuhause in der Fremde war. Mobley und die lautten compagney wählen verschiedene Arien aus Händels Werken als Kontrast zu den Songs und Spirituals – und zwar aus den englischen Oratorien. Diese schrieb der geniale Musiker in London, wo er nach einem Umweg über Italien seine neue Heimat finden wollte. Und was macht man, wenn man sich wohlfühlen möchte? Richtig, man sucht sich Freunde. Und die glaubte Händel zu finden, in dem er Musik ganz nach dem Geschmack der Londoner komponierte: Oratorien über biblische Stoffe, aber mit zeitpolitischen Bezügen. Und damit traf er voll ins Schwarze. Binnen kürzester Zeit wurde er zum beliebtesten Musiker und Komponist Londons. Er hatte ein neues Zuhause.

Möge dies auch allen US-amerikanischen Staatsbürger*innen vergönnt sein, gerade in diesem Jahr des 250. Geburtstags der Unabhängigkeit ihres Landes!

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lautten compagney BERLIN

Die lautten compagney BERLIN zählt zu den renommiertesten und innovativsten Ensembles für Alte Musik. 1984 in der DDR von Hans-Werner Apel und Wolfgang Katschner gegründet, prägt sie unter Katschners Leitung bis heute ein unverwechselbarer Klang, stilistische Vielseitigkeit und außergewöhnliche Programmatik. 2025 wurde sie erneut mit dem Opus Klassik als „Ensemble des Jahres“ geehrt.

Mit kreativen Konzertformaten und Kooperationen mit internationalen Künstler*innen und Institutionen erobert die lautten compagney Bühnen weltweit. Große Erfolge feierte sie etwa mit Monteverdis „L’Orfeo“ an der Semperoper Dresden mit Rolando Villazón. Ihre interdisziplinäre Offenheit zeigt sich in zahlreichen Wort-Musik-Programmen mit Persönlichkeiten wie Corinna Harfouch oder Sophie Rois. Neben Konzertprojekten realisiert das Ensemble eigene Opernproduktionen, die historische Aufführungspraxis mit zeitgenössischer Theaterästhetik verbinden. Rund 100 Konzerte jährlich führen die lautten compagney zu bedeutenden Festivals und auf internationale Tourneen, u. a. nach China, Kolumbien und in die Mongolei. In Berlin kooperiert sie mit Partnern wie dem Humboldt Forum und der Neuköllner Oper und engagiert sich in Nachwuchsförderung und Musikvermittlung. Mehr als 60 CD-Einspielungen dokumentieren die künstlerische Bandbreite der lautten compagney, darunter die preisgekrönten Alben Timeless, War and Peace und Dancing Queen.

Mit über 40 Jahren Erfahrung ist die lautten compagney eine lebendige Stimme der Alten Musik – traditionsbewusst, experimentierfreudig und immer im Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Besetzung 
Birgit Schnurpfeil
Violine 
Anne von Hoff Violine II 
Ulrike Paetz Viola 
Bo Wiget Violoncello 
Annette Rheinfurth Kontrabass 
Eduard Wesly Oboe 
Martin Ripper Blockflöte 
Monika Fischalek
Fagott 
Daniel Trumbull
Cembalo / Orgel 
Hans-Werner Apel Laute 
Wolfgang Katschner Laute 
Peter A. Bauer Perkussion
 

Reginald Mobley

Der „Grammy“-nominierte amerikanische Countertenor Reginald Mobley ist weltweit für seine Interpretation barocker, klassischer und moderner Werke bekannt und verfolgt eine erfolgreiche Karriere auf beiden Seiten des Atlantiks. Als Verfechter der Vielfalt in der Musik und deren Programmgestaltung wurde Mobley zum ersten Programmberater der Handel & Haydn Society in Boston (USA) ernannt. Er leitet ein Forschungsprojekt in Großbritannien, um Musik von Komponist*innen mit unterschiedlichem Hintergrund zu entdecken. Außerdem ist er Gastkünstler für Diversity Outreach beim Barockorchester Apollo's Fire und künstlerischer Berater beim Portland Baroque Orchestra (beides USA).

Zu den Höhepunkten der letzten Spielzeiten zählen Konzerte mit Klavier und Continuo (Chicago, De Bijloke in Gent, Wigmore Hall, MA Festival in Brügge, Bayreuther Barockfestival) sowie regelmäßige Auftritte mit bedeutenden Orchestern und spezialisierten Ensembles in Nordamerika sowie in Europa, unter anderem bei der Nederlandse Bachvereniging, der Wiener Akademie, dem Monteverdi Choir, den English Baroque Soloists und dem Orchestre de Chambre de Paris. Von der Bach Akademie Australia wurde er zu einer Australien-Tournee und zu Konzerten mit dem Bach Collegium Japan unter der Leitung von Maestro Suzuki nach Japan eingeladen.

Seine erste Solo-CD bei Alpha Classics erschien im Juni 2023, zeitgleich mit Konzerten mit dem Pianisten Baptiste Trotignon beim Festival in Aix-en-Provence und den BBC Proms. Die CD wurde mit dem Opus Klassik und dem Edison Klassiek Award ausgezeichnet. Seine zweite Aufnahme bei Alpha Classics wird der englischen Barockmusik und ihrem Einfluss auf das moderne amerikanische Repertoire gewidmet sein. Mobley ist auch auf mehreren Alben zu hören, darunter mit dem Monteverdi Choir, Agave Baroque und der Stuttgarter Bachgesellschaft.

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