Berlin Tracks: Stadtmitte – Jannowitzbrücke

von Annette Zerpner (Interview) – Andreas Antoni (Fotos) 16. Juni 2026

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Allysa Grace © Andreas Antoni

Bevor sie zu uns kommen, besuchen wir sie in ihren Kiezen oder an für sie wichtigen Orten: Die Musiker*innen unserer neuen Reihe „Tracks – Musik der Stadt im Konzerthaus“. Vor der vierten Folge haben wir uns mit Allysa Grace von „A Song For You“ getroffen. Die junge Amerikanerin hat uns in einen etwas heruntergekommenen Flachbau an der Spree nahe U-Bahnhof Jannowitzbrücke eingeladen, wo zwischen Streetart, einem ausrangiertem Schulbus, Biertischen und allerlei abgestelltem Plunder auf dem weitläufigen Hof die Zeit still zu stehen scheint. Zahlreiche Kunstformen, Künstler*innen und Ensembles nutzen den Ort für Proben und Auftritte.

Dort trifft sich auch das von Noah Slee und Dhanesh Jayaselan geleitete Kollektiv „A Song for You“, das sich zwischen Neo Soul, R&B und Gospel bewegt. Im größten Raum gleich neben einer Bar, Fundmöbeln und DJ-Ausrüstung erzählt Allysa, was das Ensemble ihr bedeutet und spricht über „A Soulful Missa“, das Beethoven-Projekt am 26. & 27. Juni mit dem Konzerthausorchester im  Großen Saal.

Ein Lied von Liebe & Freundschaft

„‚A Song for You‘ heißt ein Lied über  Freundschaft und Liebe, von dem Donny Hathaway eine besonders schöne Interpretation aufgenommen, die einer Menge Amerikaner*innen sehr viel bedeutet. Sie steht in der Tradtion von R&B- und Soul, die uns als Teil unserer gemeinsamen Musikgeschichte verbindet. Donny ist in dieser Welt ein ganz großer Name.“

Allysa Grace beim Interview in ihrem Studio – Fotos Andreas Antoni

Aufgezogen durch die Musikszene

„Musik zu machen, hat meine ganze Kindheit geprägt. Ich komme aus Austin, Texas, und habe das Gefühl, dass mich die dortige Musikszene großgezogen hat. Seit meinem zehnten Lebensjahr spiele ich Bratsche in Orchestern, seit 15 Jahren bin ich Studiomusikerin. Außerdem habe ich Klavier in Jazzbands gespielt. Mein Hintergrund liegt eigentlich in der Musikpädagogik. ‚A Song for You‘ ist ein interessanter Schnittpunkt, weil es sich nicht wirklich um ein klassisches Ensemble handelt.“

Fuß fassen in Berlin

„Für mich ist ‚A Song for You‘ ein Ort, an dem ich erfahren konnte, was Gemeinschaft einem tatsächlich geben kann. Vor sechseinhalb Jahren, kurz vor COVID, bin ich nach Berlin gezogen und habe von Anfang an mitgemacht. Für jemanden, der in einer Stadt ohne Familie lebt, war es besonders in dieser Zeit sehr wichtig, sich auf andere stützen zu können und Kontakte zu knüpfen. In einer Stadt wie Berlin ist für dich das Beste und das Schlimmste möglich. Es war für mich ein so wunderbarer Ort, an dem ich Fuß fassen konnte. Ich habe vorher nicht wirklich in Chören gesungen, aber ich bin sehr musikalisch und liebe es zu singen. ‚A Song for You‘ nimmt in jedem unserer Herzen einen ganz besonderen Platz ein.“

Allysa Grace im Studio, in dem sie mit A Song for You“ probt – Fotos Andreas Antoni

Körper, Geist & Seele

„Am Anfang stand eine Probe mit ein paar Sänger*innen, daraus ist alles gewachsen. Manchmal hatten wir unsere Schwierigkeiten, aber ich glaube, jede±r von uns, der oder die dabei ist, weiß, warum wir auf dieser Reise sind: Es ist uns wichtig, unsere Freude an Harmonie auszustrahlen, mit anderen Menschen im Einklang zu sein und zu erleben, was das für den Körper, die Psyche und den Geist bedeutet.

Unser Komponist Noah Slee und die Produzenten Dhanesh Jayaselan und Philipp Seliger hatten dann die Vision, eines von Beethovens ältesten Chorwerken, die ‚Missa Solemnis‘, neu zu interpretieren. Ich kenne die klassische Welt und habe gefragt: Wie sollen wir das machen? Müssen wir all diese Stimmen singen – es sind über 70 Minuten Musik. Ich habe angeboten, mich intensiv mit der Partitur zu beschäftigen, und konnte Noah so dabei helfen, das Projekt zu verwirklichen. Stefan Behrisch hat ein unglaubliches Arrangement für uns geschrieben. ‘A Soulful Missa’ wurde 2024 in Bonn mit dem Beethoven-Orchester uraufgeführt. Aber die Konzerte jetzt sind das Berliner Debüt. Sie werden sich sehr von den Aufführungen in Bonn unterscheiden, denn  wir hatten die Gelegenheit, und noch intensiver damit zu beschäftigen. Ich freue mich sehr darauf.“

Weiterleitung

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