Akademie für Alte Musik

von Dr. Peter Wollny 22. April 2026

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Inhalt

Mitglieder der akademie für alte musik Berlin
GEORG KALLWEIT Konzertmeister

JOHANN SEBASTIAN BACH (1685 - 1750)

Ouvertüre D-Dur BWV 1069
Ouverture
Bourrée I – Bourrée II
Gavotte
Menuett I – Menuett II
Réjouissancer

Ouvertüre h-Moll BWV 1067
Ouverture
Rondeau
Sarabande
Bourrée I – Bourrée II
Polonaise (Moderato) – Double 
Menuett
Badinerie


Pause


Ouvertüre C-Dur BWV 1066
Ouverture
Courante
Gavotte I – Gavotte II 
Forlane
Menuett I – Menuett II
Bourrée I – Bourrée II
Passepied I – Passepied II

Ouvertüre D-Dur BWV 1068
Ouverture
Air
Gavotte I – Gavotte II 
Bourrée
Gigue

 

„Auf! ihr Arions Söhn’ und Kinder! Fangt mit der Ouvertüre nur an“ –

Johann Sebastian Bachs Ouvertürensuiten

Die barocke Ouvertüren-Suite, die wegen ihres gewichtigen Kopfsatzes meist schlicht als „Ouvertüre“ bezeichnet wird, erfreute sich im frühen 18. Jahrhundert speziell in Mitteldeutschland großer Beliebtheit. In Thüringen begann der Siegeszug dieser sich auf den von Jean-Baptiste Lully entwickelten Instrumentalstil berufenden Gattung mit den 1693 erschienenen „VI. Ouvertures, Begleitet mit ihren darzu schicklichen Airs, nach Französischer Art und Manier“ des Rudolstädter Kapellmeisters Philipp Heinrich Erlebach (1657–1714). Gut zehn Jahre später setzte Georg Philipp Telemann (1681–1767) als Kapellmeister im sorbischen Sorau (1705–1708) und anschließend in Eisenach (1708–1712) neue Maßstäbe, indem er die französische „Manier“ mit italienischer Grandezza verband und so einen attraktiven Mischstil schuf, der für seinen deutschen Kollegen zum Vorbild wurde.

Johann Sebastian Bach lernte die Gattung bereits in jungen Jahren kennen und pflegte sie bis in seine späte Leipziger Zeit. Die beiden von seinem Ziehbruder Johann Christoph Bach angelegten großen Sammelbände – die „Möllersche Handschrift“ und das „Andreas-Bach-Buch“ – enthalten sowohl genuine Ensemble-Suiten als auch Bearbeitungen für das Cembalo, und Bach selbst verwendete das Formmodell in den Ouvertüren in F-Dur BWV 820 und g-Moll BWV 822 bereits vor 1710 in zwei Tastenwerken. Noch im zweiten Teil der Clavier-Übung (1735) und in den Goldberg-Variationen (1741) griff er den Ouvertüren-Stil erneut auf. Dass er speziell die Gestaltung der großen Kopfsätze als eine kompositorische Herausforderung empfand, zeigt der Umstand, dass er die Form – kombiniert mit einem Vokalensemble – in den Eingangschören von nicht weniger als sechs Kirchenkantaten verwendete (BWV 61, 194, 119, 20, 110, 97). Es ist daher anzunehmen, dass die vier erhaltenen Ouvertüren-Suiten BWV 1066–1069 lediglich der – freilich unschätzbare – Rest einer einstmals sehr viel umfangreicheren Werkgruppe darstellen. Die überlieferten Quellen dieser Werke stammen aus der Leipziger Zeit und deuten auf Darbietungen im Rahmen von städtischen Festveranstaltungen und Konzerten des „Bachischen Collegium musicum“, einem aus begabten Studenten bestehenden Ensemble, das ab 1729 unter Bachs Leitung einmal pro Woche im Sommer im Kaffeegarten des Leipziger Cafetiers Gottfried Zimmermann „vor dem Grimmischen Thore, auf dem Grimmischen Stein-Wege“ und im Winter in dessen Kaffeehaus in der Katharinenstraße auftrat.

Die Darbietungen des Collegium musicum begannen nach Aussage eines zeitgenössischen Dokuments offenbar stets mit einer „Ouverture“, danach war ein „Concert“ zu hören. Vermutlich erklangen also zu Beginn solcher Konzerte eine Orchestersuite im französischen und ein Instrumentalkonzert im italienischen Stil, an die sich Kammer- und Vokalwerke in loser Folge anschlossen. Das Erkennen von stilistischen Eigentümlichkeiten war im intellektuellen Klima der Universitätsstadt Leipzig eine Spezialität der musikalisch versierten Zuhörerschaft – ja diese Geselligkeits- und Gesprächskultur bildete ganz offensichtlich den Hintergrund für Bachs musikalische Experimente. Die Leipziger Poetin Christiana Mariana von Ziegler hat in einer ihrer Dichtung den Auftritt eines Collegium musicum humorvoll geschildert:

Auf! ihr Arions Söhn’ und Kinder!
Fangt mit der Ouvertüre nur an.
Vereiniget die Flöt und Saiten
So künstlich, dass auch Pan von weiten
Und Phöbus auf der Musen Hain
Ganz außer sich muss drüber sein.

[…]

O reizungsvoller Klang! der uns, geschickter Chor,
Durch süße Zauberei das Ohr
Wie die Sirenen kann betören.
Das ließ sich wahrlich hören;
Wer muß davon wohl Componiste seyn?
Ists Telemann? Bach? oder Hendel?
Ihr schweigt und räumt mir keines ein.
Jedoch, er sei nur, wer er will,
So kann man doch so viel
Nach dem Gehöre schließen,
Dass selbiger hieran ein Meisterstück bewiesen.

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Ouvertüre in C-Dur BWV 1066

Die Ouvertüre in C-Dur BWV 1066 ist in einem Stimmensatz aus der Zeit um 1724 überliefert. Über den Aufführungsanlass ist nichts bekannt, doch ist zu vermuten, dass die Abschrift einen Gastauftritt des neuen Thomaskantors in einem der studentischen Collegia musica dokumentiert. Bach dürfte das Werk bereits in Köthen oder gar Weimar komponiert haben. Die festliche Stimmung des Kopfsatzes und die fein ausgearbeitete Folge der Tänze sind auf meisterliche Art mit einer rührenden Lieblichkeit und Kantabilität der melodischen Linien verknüpft. Als Hörer wird man von der hier präsentierten einzigartigen Klangwelt derart berauscht, dass man zunächst gar nicht bemerkt, wie viele Kunstgriffe die einzelnen Sätze enthalten. So taucht in der Gavotte II in den Streichern ein traditionelles Fanfarenmotiv auf, das Bach auch in den Brandenburgischen Konzerten verwendet hat; hier wie dort bleibt allerdings verborgen, welche Botschaft er mit diesem Zitat verband. Und im Passepied II wird unter den wiegenden Achtelketten der Oboen noch einmal die Melodie des Passepied I in den Streichern in tiefer Lage angestimmt.

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Ouvertüre in h-Moll BWV 1067

Die Ouvertüre in h-Moll BWV 1067 gehört zu den Schöpfungen der späteren Leipziger Zeit. Die erhaltenen Quellen belegen Aufführungen um 1739 und um die Mitte der 1740er Jahre. Die Entstehungsgeschichte des Werks ist nur schwer zu rekonstruieren. Zahlreiche Kopierfehler in den originalen Stimmen deuten darauf hin, dass das Stück zunächst einen Ganzton tiefer – in a-Moll – stand und daher vermutlich mit einem anderen Soloinstrument besetzt war (vielleicht einer Violine). Die französisierende Form der Ouvertüre integriert in nahezu alle ihre Sätze die Prinzipien der italienischen Konzertform, indem sie das solistische Blasinstrument einer begleitenden Streichergruppe gegenüberstellt. BWV 1067 ist ein Werk von herber Schönheit, in dem kontrapunktische Kunstfertigkeit und schwermütiger Ausdruck mit den abgezirkelten Tanzrhythmen eine äußerst individuelle Verbindung eingehen. Bach machte in diesem Stück von der ganzen Palette kompositorischer Möglichkeiten Gebrauch, die er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hatte, und der hier dargebotene Pluralismus der Stil- und Formmodelle wie auch die gesteigerte Expressivität und rationale Durchdringung der Satztechnik verweisen bereits auf die Kompositionen der letzten Lebensjahre.

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Ouvertüre in D-Dur BWV 1068

Die Ouvertüre in D-Dur BWV 1068 steckt voller Rätsel. Der fragmentarisch erhaltene Originalstimmensatz mit voller Bläserbesetzung lässt sich auf die Zeit um 1731 datieren, doch deutet der analytische Befund auf eine frühere, nur mit Streichern besetzte Fassung, die bereits in Köthen oder in den frühen Leipziger Jahren entstanden sein könnte. Im langsamen Teil des Kopfsatzes verbinden sich die traditionellen punktierten Rhythmen mit einer heroischen, gleichsam sinfonischen Großartigkeit, die noch Goethe beeindruckte, als der junge Felix Mendelssohn ihm das Stück vorspielte: „Ueber die Ouvertüre von Seb. Bach aus D dur […], die ich ihm auf dem Clavier vorspielte, so gut ich konnte und wußte, hatte er eine große Freude; ‚im Anfang gehe es so pompös und vornehm zu, man sehe ordentlich eine Reihe geputzter Leute, die von einer großen Treppe herunterstiegen‘“ (Mendelssohn, Brief an Zelter, 22. Juni 1830). Im anschließenden Allegro-Teil weicht der französische Pomp unversehens einem italienischen Konzertsatz, in dem die erste Violine über längere Passagen hinweg aus dem dichten Gewebe der mit leichter Hand hingeworfenen Fuge solistisch hervortritt. Der zweite Satz, das in der Eleganz seiner feinen Melodik unvergleichliche „Air“, ist eines der großen Wunder der westlichen Musik. In nur achtzehn Takten gelingt es Bach hier, eine von allen irdischen Banden entrückte ätherische Gegenwelt zu schaffen. Die drei anschließenden Sätze Gavotte, Bourrée und Gigue stellen die festliche Stimmung der einleitenden Ouvertüre wieder her und streben mit stetig steigendem Tempo dem krönenden Schluss zu.

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Ouvertüre in D-Dur BWV 1069

In das Umfeld von Bachs Arbeit mit dem Collegium musicum gehört offenbar auch die Ouvertüre in D-Dur BWV 1069. Seine heute überlieferte Gestalt und Besetzung erhielt das Stück vermutlich in den 1730er Jahren. Es lässt sich jedoch erkennen, dass die Trompeten- und Paukenstimmen eine spätere Zutat darstellen und dass das Werk somit offenbar ursprünglich in einer der C-Dur-Ouvertüre BWV 1066 ähnelnden Fassung (mit Oboen und Streichern) konzipiert wurde. Ende 1725 arbeitete Bach den Ouvertüren-Satz zum Eingangschor seiner Weihnachtskantate „Unser Mund sei voll Lachens“ BWV 110 um, indem er im fugierten Mittelteil die Singstimmen teils neu hinzu komponierte, teils aus den Orchesterstimmen ableitete. Bei dieser Gelegenheit ergänzte er den Satz auch um die Trompeten und Pauken, die er in der Folgezeit zudem in drei der vier nachfolgenden Tanzsätze verwendete. Mit der ungewöhnlich opulenten Besetzung der Holzbläsergruppe – drei Oboen und Fagott – eröffnen sich in der Orchesterbehandlung Möglichkeiten der „Doppelchörigkeit“, die Bach auf vielfältige Weise zu nutzen weiß – etwa in der Bourée I, wo das thematische Material zwischen den beiden Klanggruppen aufgeteilt wird, oder auch in der Gavotte I, in der sich Oboen und Streicher auf engstem Raum abwechseln. Das Werk kulminiert in der rhythmisch und melodisch intrikaten Réjouissance, die ein lustiges Spiel mit der Verschleierung der Taktschwerpunkte treibt.

In seinen Ouvertürensuiten, die ja für ein großes Publikum bestimmt waren, präsentierte Bach auf eine auch für den Laien verständliche Weise die Prinzipien seiner Kompositionskunst. Der mit dem Komponisten befreundete Leipziger Rhetorikdozent Johann Abraham Birnbaum versuchte 1738, diese Eigenheiten zu charakterisieren:

„Ubrigens ist gewiß, daß die stimmen in den stücken dieses grossen meisters in der Music wundersam durcheinander arbeiten: allein alles ohne die geringste verwirrung. Sie gehen mit einander und wiedereinander; beydes wo es nöthig ist. Sie verlassen einander und finden sich doch alle zu rechter zeit wieder zusammen. Jede stimme macht sich vor der andern durch eine besondere veränderung kenntbar, ob sie gleich öfftermahls einander nachahmen. Sie fliehen und folgen einander, ohne daß man bei ihren beschäfftigungen, einander gleichsam zuvorzukommen, die geringste unregelmäßigkeit bemercket. Wird dieses alles so, wie es seyn soll, zur execution gebracht; so ist nichts schöners, als diese harmonie“.

Dieses Konzept von musikalischer Vollkommenheit dokumentieren die vier Suiten eindrucksvoll. Der unerhörte kontrapunktische Reichtum ist in all seinen Dimensionen auch nach vielfachem Hören kaum zu erfassen; dennoch fügen sich die zahllosen kontrapunktischen Verästelungen und Details zu einem durchaus fassbaren Gesamteindruck – ein Zeichen von Bachs Größe, der keine esoterischen Luftschlösser errichtet hat, sondern ausdrucksvolle Meisterwerke, die noch heute – mehr als 300 Jahre nach ihrer Entstehung – den Hörer zu fesseln und zu begeistern vermögen.

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Akademie für Alte Musik Berlin

1982 in Berlin gegründet, gehört die Akademie für Alte Musik Berlin (kurz „Akamus“) heute zur Weltspitze der historisch informiert spielenden Kammerorchester.

Seit mehr als vier Jahrzehnten beweist das Orchester immer wieder seine Wandlungsfähigkeit mit aufregenden Konzertprojekten und musikalischen Entdeckungsreisen. So leistete Akamus Wesentliches für die Wiederentdeckung der Musik Carl Philipp Emanuel Bachs und Georg Philipp Telemanns. Im Kulturleben seiner Heimatstadt Berlin ist Akamus ein zentraler Pfeiler. Seit über 35 Jahren gestaltet das Orchester eine Abonnement-Reihe im Konzerthaus Berlin, seit 1994 widmet es sich an der Berliner Staatoper regelmäßig der Barockoper. Mit dem RIAS Kammerchor besteht seit mehr als 30 Jahren eine kontinuierliche und erfolgreiche Zusammenarbeit. Zugleich sind die Musikerinnen und Musiker ständiger und vielgefragter Gast auf den wichtigsten europäischen und internationalen Konzertpodien.

Das Ensemble musiziert unter der wechselnden Leitung seiner Konzertmeister Bernhard Forck und Georg Kallweit, seiner Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki sowie ausgewählter Dirigenten und Dirigentinnen. Besonders mit René Jacobs verbindet das Ensemble eine enge und langjährige künstlerische Partnerschaft. Darüber hinaus leiteten in jüngster Zeit Emmanuelle Haim, Bernard Labadie, Paul Agnew, Diego Fasolis, Fabio Biondi, Rinaldo Alessandrini, Christophe Rousset und Francesco Corti das Orchester. Regelmäßig arbeitet Akamus mit international renommierten Solisten wie Isabelle Faust, Kit Armstrong, Alexander Melnikov, Anna Prohaska und Carlo Vistoli zusammen. Gemeinsam mit der Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests entstand die Erfolgsproduktion von Henry Purcells „Dido & Aeneas“, die weltweit eine Vielzahl an Aufführungen von Berlin bis Sydney erlebte. Aufnahmen des Ensembles wurden mit allen bedeutenden Schallplattenpreisen ausgezeichnet, darunter der Grammy Award, Diapason d’Or, Gramophone Award, Choc de l‘année sowie der Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. 2006 erhielt das Orchester den Telemann-Preis der Stadt Magdeburg, 2014 die Bach-Medaille der Stadt Leipzig.

BESETZUNG DES ABENDS
GEORG KALLWEIT Violine & Konzertmeister
KERSTIN ERBEN Violine
THOMAS GRAEWE Violine
DÖRTE WETZEL Violine
EDI KOTLYAR Violine
GUDRUN ENGELHARDT Violine
ERIK LLYOD DORSET Violine
EDBURG FORCK Violine
CLEMENS-MARIA NUSZBAUMER Viola
THERESA BURGGALLER Viola
ILDIKO LUDWIG Viola
JAN FREIHEIT Violoncello
BARBARA KERNIG Violoncello
WALTER RUMER Kontrabass
FLÓRA FÁBRI Cembalo
GERGELY BODOKY Flöte
XENIA LÖFFLER Oboe
MICHAEL BOSCH Oboe
JIYOUNG KIM Oboe
CLAUDIUS KAMP Fagott
RAPHAEL POUGET Trompete
FRANZ LANDLINGER Trompete
MARTIN MÜHRINGER Trompete
STEFAN REICHINGER Pauke

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