16.00 Uhr
Neujahrskonzert
Konzerthaus Kammerorchester
Sayako kUsaka Leitung
RICHARD STRAUSS (1864 - 1949)
„Metamorphosen“ für 23 Solostreicher
PAUSE
FRANZ SCHUBERT (1797 - 1828)
Streichquartett d-Moll D 810 („Der Tod und das Mädchen“), für Streichorchester bearbeitet von Gustav Mahler
Allegro
Andante con moto
Scherzo. Allegro molto
Presto
Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Richard Strauss in seiner 1907/08 von den Einnahmen aus seiner Oper „Salome“ erbauten Villa im bayerischen Garmisch-Partenkirchen. Als die Amerikaner den Ort einnahmen, soll er vor sein Haus getreten sein und sich als „Komponist des Rosenkavaliers“ vorgestellt haben. Daraufhin, so die Überlieferung, wurde das Domizil mit den Worten „Off limits“ („Zutritt verboten“) gekennzeichnet und überstand – genauso wie der Komponist mit seiner eher ambivalenten Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus – die Wirren der Zeit.
Rückblickend notierte der damals bereits 81-jährige Strauss: „Vom 1. Mai ab ging die schrecklichste Periode der Menschheit, 12-jährige Herrschaft der Bestialität, Ignoranz und Unbildung unter den größten Verbrechern, zu Ende, in der […] unersetzliche Baudenkmäler und Kunstwerke […] zerstört wurden.“ Nicht nur die Opernhäuser von Berlin, München, Dresden und anderen Städten lagen in Trümmern; am 12. März 1945 war bei einem Angriff der Alliierten auch die Wiener Oper getroffen worden. Im Innersten aufgewühlt, begann Strauss am folgenden Tag mit der Konzeption seiner „Metamorphosen“.
Die daraufhin entstandene kammermusikalisch-transparente, melancholische „Studie für 23 Solostreicher“ war für ihn nichts weniger als ein musikalisches Vermächtnis, der „Widerschein meines ganzen vergangenen Lebens“. Bei der Wahl des Titels habe Strauss, so der englische Autor Matthew Boyden, offensichtlich Goethes Gedichte „Metamorphose der Pflanzen“ und „Metamorphose der Tiere“ im Sinn gehabt. Doch im Gegensatz zu Goethe, der den Prozess der Verwandlung im Wesentlichen positiv aufgefasst habe, sei Strauss bei der Komposition seiner Es-Dur-Studie von tiefem Kulturpessimismus und gesellschaftlichem Fatalismus durchdrungen gewesen.
„Adagio ma non troppo – Etwas fließender – Noch etwas lebhafter – Tempo primo“ lauten die knappen Vortragsanweisungen für den Kontraste vermeidenden, quasi sinfonischen Satz. Das knapp halbstündige Werk bezieht sein Material unter anderem aus dem 2. Satz (Marcia funebre/Trauermarsch) von Beethovens Sinfonie Nr. 3 („Eroica“) in derselben Tonart: eine klanggewordene Erschütterung angesichts einer unwiederbringlich zerstörten Welt. Die Uraufführung der „Metamorphosen“ fand am 25. Januar 1946 in der Tonhalle Zürich durch das Collegium Musicum der Stadt unter Leitung des Widmungsträgers Paul Sacher statt.
„Vorüber! ach, vorüber! / Geh, wilder Knochenmann! / Ich bin noch jung, geh, Lieber! / Und rühre mich nicht an.“ Ja, es ist noch jung, das Mädchen, dem Matthias Claudius (vor allem bekannt für seinen Text zu „Der Mond ist aufgegangen“) diese flehentlichen Worte in den Mund gelegt hat. Offenbar sieht es sein Ende nahen, denn es ist der Tod, an den es sich wendet. Der allerdings kommt in dem 1774 veröffentlichten Gedicht nicht als mittelalterlich-strenger Sensenmann daher, sondern antwortet ganz im Sinne der Aufklärung ruhig und tröstlich: „Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! / Bin Freund und komme nicht zu strafen, / Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild! / Sollst sanft in meinen Armen schlafen!“ Gut vier Jahrzehnte später, im Februar 1817, vertonte Franz Schubert diese Zeilen in seinem gleichnamigen Lied D 531.
Es war nicht das erste Mal, dass Schubert sich in einem Werk mit dem Sterben beschäftigte, und es sollte nicht das letzte Mal sein. So kreist auch der 1815 entstandene „Erlkönig“ um dieses Thema, genauso wie die Lieder „Der Jüngling und der Tod“, „An den Tod“ oder das „Grablied für die Mutter“. 1824 legte Schubert sein Lied „Der Tod und das Mädchen“ einem Streichquartett in d-Moll zugrunde, das unter demselben Titel bekannt ist. Dieses ausgedehnte Werk mit seinen häufigen Dur-Moll-Wechseln und harmonischen Rückungen war und ist bis heute eine „harte Nuss“ – ebenso für das Konzertpublikum wie für die Ausführenden. Schubert wollte sich, wie er im März jenes Jahres 1824 an den Freund Leopold Kupelwieser schrieb, damit „den Weg zur großen Sinfonie bahnen“. Gleichzeitig beschreibt er sich in diesem Brief, unheilbar erkrankt, als „den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt“ und ergänzte: „Wenn ich schlafen geh’, hoffe ich nicht mehr zu erwachen.“
Dass er im zweiten Satz des Streichquartetts (Andante con moto) die Musik des Todes aus dem gleichnamigen Lied zitiert und in mehreren Variationen verarbeitet hat, kommt einem erschütternden Bekenntnis gleich. Außerdem verwendet er über Jahrhunderte hinweg entstandene Klageformeln und Todessymbole, die zum Teil auch die anderen Sätze prägen. Das eröffnende Allegro ist zusätzlich von schroffen Rhythmen und scharfen dynamischen Kontrasten geprägt.
Am heutigen Abend erklingt das Werk in einer Version für Streichorchester, die Gustav Mahler 1894, während seiner Zeit als Erster Kapellmeister am Stadttheater Hamburg, angefertigt hat. Mit dieser – durch die chorische Besetzung klanglich verbreiterte und mit einer Kontrabass-Stimme in die Tiefe erweiterte – Fassung bahnte Mahler dem Stück den Weg in den großen Konzertsaal und lässt die musikalischen Gedanken mitsamt allen Zwischentönen überaus plastisch hervortreten.
Das 2009 von Musikern des Konzerthauses gegründete Konzerthaus Kammerorchester besteht fast ausschließlich aus Mitgliedern des Konzerthausorchesters Berlin und kommt ohne Dirigenten aus. Der demokratisch organisierte Klangkörper hat einen festen Platz in der Konzertsaison des Hauses und tritt wiederholt auf internationalen Podien in Erscheinung. So führten mehrere Konzertreisen das Ensemble beispielsweise in die Türkei, nach Holland und nach Japan.
Mehrere CD-Einspielungen sind erschienen, darunter mit dem Geiger Daniel Hope aus der Reihe „Recomposed by Max Richter“ die „Vier Jahreszeiten“ nach Antonio Vivaldi, ausgezeichnet mit dem „Echo Klassik“ 2013. Das Repertoire konzentriert sich hauptsächlich auf Werke für Streichorchester, aber auch auf Bearbeitungen von großen Kammermusikwerken wie zum Beispiel Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ in der Bearbeitung von Gustav Mahler. Auch sinfonische Werke mit kleinerer Bläserbesetzung oder Solokonzerte mit Solisten wie dem Cellisten Julian Steckel, dem Geiger Ning Feng oder dem Pianisten Matthias Kirschnereit gehören zum Programm.
www.konzerthaus-kammerorchester.de
Das Konzerthaus Kammerorchester spielt im heutigen Konzert in folgender Besetzung:
Violine
Sayako Kusaka (Konzertmeisterin)
Johannes Jahnel
Teresa Kammerer
Avigail Bushakevitz
Melanie Richter
Christiane Ulbrich
Karoline Bestehorn
Cornelia Dill
Linda Fichtner
Narie Lee
Viola
Ayano Kamei
Matthias Gallien
Felix Korinth
Mao Konishi
Yeunwoo Park
Violoncello
Viola Bayer
Yiing Guo
Alexander Kahl
Hyejin Kim
Rouven Schirmer
Kontrabass
Igor Prokopets
Saara Lassila
Karla Wulff
Die Erste Konzertmeisterin des Konzerthausorchesters Berlin wurde in Ashiya (Japan) geboren, studierte in Tokio bei Takashi Shimizu, in den USA bei Eduard Schmieder sowie in Freiburg im Breisgau bei Rainer Kußmaul. Seit 2008 ist sie Mitglied im Konzerthausorchester. Sie ist Primaria im Konzerthaus Quartett und Künstlerische Leiterin des Konzerthaus Kammerorchesters.
Die Geigerin ist Gewinnerin und Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe (darunter Rodolfo-Lipizer-Violinwettbewerb, Paganini-Wettbewerb, Sibelius-Violinwettbewerb, Michelangelo Abbado International Violin Competition, Idemitsu Music Prize). Als Solistin und Kammermusikerin konzertiert sie in Europa, Japan und den USA. Seit 2013 ist Sayako Kusaka „Special Guest“-Konzertmeisterin des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio.
Was war da los? Unsere KHO-Mitglieder erzählen, wie es zu einem Schnappschuss vor dem Konzert kam – dieses Mal mit Solo-Cellist Friedemann Ludwig und Konzentration zwischen Kisten.