Takács Quartet

By Felix Kriewald March 18, 2026

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Inhalt

Takács Quartet
  Edward Dusinberre  
Violine
  Harumi Rhodes Violine
  Richard O’Neill Viola
  András Fejér  Violoncello

Joseph Haydn (1732 – 1809)
Streichquartett g-Moll op. 74 Nr. 3 Hob III:74 „Reiterquartett“ (1793)
Allegro moderato
Andantino grazioso
Menuett. Allegro – Trio
Finale. Vivace

Clarice Assad (*1978)
„NEXUS“ für Streichquartett (2025)(Dis)connection
Connection
Synchronization

PAUSE

Claude Debussy (1862 – 1918)
Streichquartett g-Moll op. 10 (1893)
Animé et très décidé
Assez vif et bien rythmé
Andantino, doucement expressif
Trés modéré – Très mouvementé et avec passion

Nur Schall und Rauch?

Mit über 100 Sinfonien hat Joseph Haydn zumindest quantitativ das Orchesterrepertoire geprägt wie kaum ein anderer Komponist – nur eine Handvoll seiner Kollegen haben es bis heute geschafft, noch mehr Sinfonien zu schreiben. Doch Haydn hat auch die Kammermusik enorm vorangebracht. Er gilt sogar weithin als der Vater des Streichquartetts, dem er zu seiner seitdem etablierten Form verholfen hat: als Dialog zwischen vier gleichwertigen Partner*innen und der klassischen Satzfolge schnell – langsam – Menuett – schnell. Ganze 68 Quartette hat Haydn seinerzeit geschrieben, doch nur zwei stehen in der Tonart g-Moll. Eins davon trägt den Beinamen „Reiterquartett“. Haydn selbst hatte aber keinerlei besondere Verbindung zum Reitsport oder Pferden überhaupt, sie waren ihm sogar eher suspekt, nachdem ein Pferd ihn einmal abgeworfen hatte. Wie bei seinen Sinfonien waren die Beinamen der Quartette in den seltensten Fällen Haydns eigene Idee, sondern schlicht eine Marketingstrategie seiner Verleger – ein gewitztes „Reiterquartett“ verkauft sich schließlich besser als ein sperriges „Quartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello op. 74 Nr. 3“. Haydn sollte es seinen Verleger*innen danken, denn er starb unter anderem dank seiner Notenverkäufe als steinreicher Mann. Er hinterließ nach seinem Tod im Jahr 1809 so viel Geld, dass man sich damals davon vierzig Häuser hätte kaufen können. Marketing hin oder her: Wenn man will, kann man den Reiter im gleichnamigen Quartett tatsächlich im galoppierenden Finale hören. Dieser Schlusssatz bildet zudem in Haydns massivem Œuvre eine Insel: Er ist strukturell genau analog zum ersten Satz gebaut und schafft eine formelle Symmetrie, die sich in Haydns anderen Instrumentalwerken so gut wie gar nicht findet.

(Gem)einsam?

Die brasilianisch-amerikanische Komponistin Clarice Assad entwickelt mit ihrem Stück „NEXUS“ Haydns Idee von den vier Dialogpartnern weiter und macht daraus eine Metapher für das menschliche Sozialleben. „NEXUS“ bedeutet wörtlich Verbindung und erforscht, wie Menschen nach Gemeinschaft streben, dabei aber ihre eigene Stimme wahren, ohne der Uniformität zum Opfer zu fallen. In diesem dreisätzigen Werk, das vom Takács Quartet in Auftrag gegeben wurde, treten die vier Musiker*innen mal individuell, mal gemeinsam auf. Im ersten Satz lernen sich die einzelnen Stimmen zunächst kennen und finden sich scheinbar ganz organisch zusammen. Diese Zusammengehörigkeit wird im zweiten Satz fortgeführt, ehe die Bedürfnisse einer jeden Stimme wieder hervortreten und das Gefüge brechen lassen. Im Finale herrscht schließlich starre Gleichförmigkeit, mechanisch marschieren die vier Musiker*innen als Kollektiv ohne eigene Persönlichkeit in die gleiche Richtung. Oder kann der eine oder die andere am Ende das Muster vielleicht durchbrechen? Assads Kompositionen sind enorm vielfältig beeinflusst. Von brasilianischer Popularmusik über Klassik bis Jazz haben diverse Stile und Genres ihre Spuren hinterlassen. Dabei verarbeitet sie immer wieder aktuelle Themen wie Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit in ihren Werken. „NEXUS“ könnte in diesem Kontext als Kommentar auf die zunehmende Spaltung der politischen Lager sowie das weltweite Erstarken des Autoritarismus gelesen werden.

Eine neue Ära?

Exakt 100 Jahre nach Joseph Haydn komponiert Claude Debussy sein einziges Streichquartett. Wie das „Reiterquartett“ steht es in g-Moll und bildet so einen harmonischen Rahmen für diesen Abend. Ähnlich wie Clarice Assad bedient sich Debussy für sein Quartett an verschiedenen Inspirationsquellen, von der damals noch ungewöhnliche Pentatonik bis hin zu indonesischer Musik, die der Komponist 1889 auf der Weltausstellung kennen gelernt hatte. Debussy behält das altgediente viersätzige Schema noch weitgehend bei, auch wenn er die Reihenfolge der langsamen und schnellen Mittelsätze ändert. Auf der Mikroebene verabschiedet er sich aber schon von der bis dahin gültigen Formenlehre, die Elemente wie Exposition und Durchführung vorsieht. Alle vier Sätze entwickeln sich aus einer einzelnen Idee, die um die Töne g, f und d kreist. Dieser Bruch mit der Tradition sowie die ungewohnten Klangfarben und Harmonien sorgten für eine gründlich misslungene Uraufführung. Erst die zweite Aufführung regte das Publikum zum Nachdenken an, und allmählich erkannten die Leute den Wert dieser neuen Komposition.  Der Komponist Paul Dukas fasste es in seiner Kritik trefflich zusammen: „Die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit, aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind.“ Debussys Schöpfung sollte sich auf die gesamte Gattung des Streichquartetts ausweiten, da sich Komponisten wie Béla Bartók oder Maurice Ravel für ihre eigenen Quartette stark davon beeinflussen ließen. Heute gilt das Quartett als Meilenstein, sowohl für das Genre als auch für Debussy selbst, da er damit endgültig seinen Stil gefunden hatte. Nur ein Jahr darauf schrieb er nämlich sein wegweisendes „Prélude à l’après-midi d’un faune“, was häufig als erstes Werk der Moderne bezeichnet wird.

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TAKÁCS QUARTETT

Das 1975 in Budapest gegründete und heute in Colorado, USA, ansässige Takács Quartett gilt als eines der weltweit führenden Streichquartette. Ihre Konzertsaison umfasst Auftritte in ganz Europa, Asien und Australien sowie über vierzig Konzerte in Nordamerika. Das Takács Quartett ist assoziiertes Mitglied der Wigmore Hall in London, wo es vier Konzerte pro Saison gibt und 2014 mit der Wigmore Hall Medal ausgezeichnet wurde. 2012 gab das Gramophone Magazine bekannt, dass das Takács Quartett als einziges Streichquartett in seine erste Hall of Fame aufgenommen wurde. Das Streichquartett veröffentlicht seine Aufnahmen bei Hyperion Records/Universal. Seine Einspielung von Werken von Elgar und Beach wurde 2021 mit einem Gramophone Award ausgezeichnet. Die nächste Veröffentlichung, die im Herbst 2026 erscheint, wird Streichquintette von Mozart enthalten. Für seine CDs beim Label Decca/Universal hat das Streichquartett zahlreiche Preise gewonnen, darunter drei Gramophone Awards, einen Grammy und die Auszeichnung „CD des Jahres“ bei den ersten BBC Music Magazine Awards. Edward Dusinberre hat zwei Bücher geschrieben, die beide bei Faber erschienen sind. Das erste – „Beethoven für ein späteres Zeitalter: Die Reise eines Streichquartetts“ – gewährt Einblicke in das Leben eines Streichquartetts und verbindet Musikgeschichte mit persönlichen Erinnerungen. Das zweite – „Ferne Melodien: Musik auf der Suche nach Heimat“ – erkundet die Themen Entwurzelung und Heimkehr.

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