13.00 Uhr
Rundgang
Quatuor Zaïde
Charlotte Maclet Violine
Leslie Boulin Raulet Violine
Céline Tison Viola
Juliette Salmona Violoncello
Programm
Bryce Dessner (*1976)
„Impermanence“ für Streichquartett
Alarms
Disintegration 1
Alarms 2
Requiem – Ashes
Rebecca Clarke (1886 – 1979)
Poem für Streichquartett
Adagio
Fanny Hensel (1805 – 1847)
Streichquartett Es-Dur
Adagio ma non troppo
Allegretto
Romanze
Allegro molto vivace
Pause
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Streichquartett c-Moll op. 18 Nr. 4
Allegro ma non tanto
Andante scherzoso quasi allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro – Prestissimo
Bryce Dessner
„Aheym“ für Streichquartett
Die Kompositionen des diesjährigen Composer in Residence am Konzerthaus Berlin bilden den packenden Rahmen dieses Konzerts, in denen sich die besondere Persönlichkeit Bryce Dessners spiegelt: Einerseits weltweit bekannter Gitarrist mit der Gruppe The National, zum anderen kreativer Festivalorganisator und nicht zuletzt als vielgefragter Komponist ein Grenzgänger zwischen E-Musik, Rock und Pop-Ikone Taylor Swift. Das 2021 in Sydney uraufgeführte „Impermanence“ sprüht in jedem Takt von der Energie, die von der Zusammenarbeit mit der Sydney Dance Company ausging: Die vier Teile sind von allergrößten Kontrasten geprägt. Die zwei schnellen Abschnitte treiben, vom Violoncello angeführt, die Musik quasi vor sich her, während im zweiten Teil die Klänge völlig zum Stillstand kommen und im letzten Satz „Requiem – Ashes“ in völliger Entspanntheit verebben. Inhaltlich nimmt Dessner Bezug auf zwei verheerende Ereignisse von 2019, die Buschbrände in Australien und die Zerstörung von Notre Dame in Paris – als musikalische Reflektion über die Verwundbarkeit unserer (Um-)Welt.
2009 feierte „Aheym“ Premiere bei Dessners MusicNOW Festival in Cincinnati/Ohio durch den Auftraggeber, das legendäre Kronos Quartet. Der Komponist selbst hat in einem Kommentar auf die Inspiration durch die Geschichten seiner aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Großmutter hingewiesen („aheym“ heißt auf jiddisch „nach Hause“): „Dieses Stück ist als musikalische Evokation der Idee von Flucht und Überfahrt geschrieben.“ Jiddisches Melodiengut lässt Dessner in seine Kompositionen einfließen und transformiert es in jenem repetitiven, vor allem rhythmisch minutiös ausgefeilten Stil mit hintereinander gestellten musikalischen Blöcken, wie ihn seine großen Vorbildern Steve Reich und Philip Glass perfektioniert haben.
Erst in den letzten 30 Jahren ist das Werk der britischen Komponistin Rebecca Clarke wiederentdeckt worden; das heute zu hörende „Poem“ erlebte 1994 seine späte Uraufführung, fast 70 Jahre nach der Entstehung im Jahr 1925. Dabei hatte sich die Musikerin damals in London vor allem als professionelle Bratschistin, die auch in den USA und den britischen Kolonien auftrat, längst einen Namen gemacht. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs siedelte Clarke ganz in die USA über und starb hochbetagt 1979 in New York City. „Poem“ basiert auf einem Motiv ihres eigenen, damals schon erfolgreichen Klaviertrios; dieses Motiv bildet die mehrfach wiederkehrende Keimzelle für einen dicht gewebten, sich in verhaltener Sehnsucht entfaltenden Adagio-Satz, der zum Ende in lichten Tönen verklingt.
Keine Frage: Vom Talent wie von der Ausbildung her hätte Fanny Hensel eine Karriere machen können wie ihr geliebter Bruder Felix Mendelssohn – sei es als brillante Pianistin wie auch als hochbegabte Komponistin. Doch war es zuerst der Vater Abraham, der ein solches Ansinnen ablehnte, später dann kamen ihr die Bedenken des Bruders gegen eine Laufbahn als Komponistin in die Quere. Unterstützung fand sie allein bei ihrem Ehemann, dem Maler Wilhelm Hensel. Doch erst 1846, ein knappes Jahr vor ihrem frühen Tod, fand Hensel schließlich den Mut, den Angeboten mehrere Verleger zu folgen und erste Klavierwerke und Sololieder zu publizieren.
Auch an ihrem im Jahr 1834 entstandenen Streichquartett Es-Dur hatte der Bruder gehörig zu mäkeln: „Ich möchte, dass Du mehr auf eine bestimmte Form, namentlich in der Modulation sähest“, übte er unverhohlene Kritik, „wenn solche Form zerschlagen werden kann, ist es freilich gut, aber dann muss der Inhalt sie von selbst zerschlagen.“ Hensel rechtfertigte sich damit, dass sie wohl zu viel Beethoven, vor allem dessen späte Werke, verinnerlicht habe. Geändert hat sie trotz der brüderlichen Kritik nichts an dem Streichquartett; publiziert wurde es allerdings erst fast 150 Jahre später, 1988, aus dem Autograf in der Berliner Staatsbibliothek.
In der Tat wird beim Hören schnell deutlich, was den auf klassizistischen Ausgleich der Emotionen bedachten Bruder so irritiert haben muss. Bereits das eröffnende Adagio ma non troppo strahlt mit seinen vielen Seufzern, den Pausen und Dissonanzen eine kompromisslose Offenbarung tiefer Gefühle aus, wie man sie sonst höchstens von Schubert kennt. Ein düsterer Schatten schwebt auch über dem Allegretto-Scherzo – Felix Mendelssohn fand diesen Satz am gelungensten – mit seinem harschen fugierten Mittelteil. Gänzlich ungewöhnlich ist der zentrale Satz des Es-Dur-Quartetts, die Romanze, die weit über das Liedhafte hinaus einem verzweifelten Ausbruch zusteuert – um dann in einem magischen Moment mit geradezu überirdischen Klangfarben die tröstende Antwort zu geben. Doch das letzte Wort hat das übermütig sprudelnde Allegro molto vivace, in dem die Mischung aus großen Melodien und ratternden Gegenstimmen viel von dem verrät, was Fanny Hensel an Leidenschaft und Energie in ihre Musik gesteckt hat.
Aus den Sturm-und-Drang-Jahren in Wien um 1800 stammt Ludwig van Beethovens Streichquartett c-Moll, das Vierte aus der Sechsergruppe op. 18 und einzige in Moll. In ungestümer Manier fegt der 30-Jährige die Traditionen à la Haydn und Mozart beiseite, stürmt im ersten Satz beständig voran, treibt dem dritten Satz jeglichen beschaulichen Menuetto-Charakter aus und spickt auch das „Rausschmeißer“-Finale mit kontrapunktischen Finessen, erfrischendem Hin und Her zwischen c-Moll und C-Dur und einem unwiderstehlich-lakonischen Endspurt.
Das in Frankreich beheimatete Quatuor Zaïde, eines der wenigen rein weiblichen Quartette, hat sich als eines der führenden Kammermusikensembles in Frankreich und international etabliert. Diverse Preise bei namhaften Streichquartett- und Kammermusikwettbewerben in den Jahren 2010 – 2012, darunter der ARD-Musikwettbewerb München 2012, markieren den Beginn der internationalen Karriere des Quatuor Zaïde. Den Durchbruch brachte die Aufnahme in die Rising-Stars-Tour in der Saison 2015/16 mit Konzerten auf den großen internationalen Bühnen Europas. Daneben tourte das Ensemble in Nord-, Südamerika (USA, Kanada, Kolumbien und Brasilien) und Asien (China, Hongkong und Korea). Hatto Beyerle (Alban Berg Quartett), Johannes Meissl (Artis Quartett) und Gabor Takacs-Nagy zählen zu den namhaften Mentoren des Quatuor Zaïde.
Das Quartett ist für sein vielfältiges Repertoire bekannt, das von klassischen Quartetten bis hin zu zeitgenössischen Werken reicht, darunter Werke von Iannis Xenakis, Jonathan Harvey, Wolfgang Rihm und Sofia Gubaidulina. Im Laufe der Jahre knüpfte das Quatuor Zaïde enge freundschaftliche und künstlerische Beziehungen zu mehreren Komponist*innen wie Bryce Dessner, Suzanne Giraud, Francesca Verunelli und Cécile Buchet, bei denen es mehrere Werke in Auftrag gab. Mit der Sydney Dance Company arbeiteten die Musikerinnen in der Komposition „Impermanence" zur Musik von Bryce Dessner; Mozarts „Zauberflöte“ wurde mit der Pantomimengruppe um Wolfgang von Bodecker und Alexander Neander aus der Ecole Marcel Marceau in Szene gesetzt.
Seit 2013 nehmen die Musikerinnen für das Digitallabel „NoMadMusic“ auf. Erschienen sind CDs mit Werken von Janáček, Haydn, Franck, Chausson, Beethoven, Schumann/Mendelssohn sowie Ende 2025 das Album „Franz“ mit Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen". Für die Jahre 2026/2027/2028 ist sukzessive die Veröffentlichung einer Gesamteinspielung der Streichquartette von Beethoven vorgesehen.
Die Musikerinnen werden von dem Modedesigner Issey Miyake eingekleidet. Und ihren Namen „Zaïde“ haben die Vier von Mozart entliehen: In dessen Singspiel „Zaide“ geht es um eine Harems-Sklavin, der es gelingt, aus dem Machtbereich ihres Sultans zu fliehen – mit Intelligenz, Charme und Zielstrebigkeit.