14.00 Uhr
Espresso-Konzert
Streichquartett International
Julia Fischer Quartett
Julia Fischer Violine
Alexander Sitkovetsky Violine
Nils Mönkemeyer Viola
Benjamin Nyffenegger Violoncello
Franz Schubert (1797-1828)
Streichquartettsatz c-Moll D 703 (1820)
Allegro assai
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73 (1946)
Allegretto
Moderato con moto
Allegro non troppo
Adagio (attacca)
Moderato
-Pause-
Johannes Brahms (1833-1897)
Streichquartett a-Moll op. 51 Nr. 2 (1873)
Allegro non troppo
Andante moderato
Quasi Minuetto, moderato – Allegro vivace – Tempo 1
Finale. Allegro non assai
Üblicherweise wird Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll D 703, entstanden im Dezember 1820, gerne als Zugabe nach vielbeklatschten Streichquartett-Abenden gegeben. Dabei lohnt es sich allemal, dieses kammermusikalische Juwel auch in den Kontext eines Konzerts zu integrieren. Zwar hatte Schubert eigentlich ein vollständiges Quartett geplant – die Arbeit bricht mitten im zweiten Satz ab – , aber dennoch fasziniert schon allein das einleitende Allegro assai durch die Vielfalt der Facetten, die der Komponist in dem schlichten 6/8-Takt ausbreitet.
Der furiose Anfang mit seinen mysteriösen Tremoli wandelt sich unversehens in ein lyrisches Thema allerbester Schubertscher Eingebung. Anders als Beethoven, dessen „Quartetto serioso“ op. 95 augenscheinlich für Schuberts Werk Pate gestanden hat, werden die beiden Themen jedoch nicht einem Gestaltungsprozess durchzogen; sie stehen als Blöcke im Raum, nur durch neue klangliche Belichtungen verändert. Immer wieder brechen die Klänge der Bedrohung in die vermeintliche Idylle ein – eine Konstante bis zum Schluss.
Dmitri Schostakowitsch war bereits 29 Jahre alt, als er sich 1935 erstmals mit der Gattung Streichquartett auseinandersetzte. Danach sollte sie eine feste Konstante in seinem Schaffen bis zu seinem Lebensende werden: stilistisches Experimentierfeld und Raum für persönliche Bekenntnisse. 1946 komponierte er nur ein einziges Werk, jenes Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73, das bei genauerem Hinhören sehr viel von der persönlichen Situation des Komponisten in jener Zeit widerspiegelt. Seine Neunte von 1945 hatte alle Erwartungen einer triumphalen Sieges-Sinfonie ins Leere laufen lassen, und Stalins rigide Kulturpolitik hing wie ein Damoklesschwert über jenen Künstlern wie Schostakowitsch, die ihren Freiraum jenseits der offiziellen Doktrin behaupten wollten.
Insofern ist schon die Munterkeit des eröffnenden Allegretto-Satzes mit Vorsicht zu betrachten, und auch die vermeintlich „liebliche“ Tonart F-Dur wird allzu oft durch Dissonanzen und harmonische Querschüsse konterkariert. Doch noch tun sich nicht die Abgründe späterer Quartette auf, und alles musikalische Material wird mit größter Souveränität gestaltet und geordnet. Typisch dafür ist etwa die Doppelfuge, die in der Durchführung des ersten Satzes für einen Überraschungsmoment sorgt, bevor in der Reprise das lakonische erste Thema zum Ende hin bedrohlich verdichtet und zugespitzt wird.
Völlig andere Farben bringt wiederum das Moderato con moto mit dem erdenschweren Dialog zwischen Bratsche und Violine, der von einer völlig statischen Pianissimo-Klangfläche abgelöst wird, wie sie nur Schostakowitsch komponieren konnte. In dem fünfsätzigen Werk postiert der Komponist als Mittelachse ein Scherzo, das in seiner rhythmischen Widerborstigkeit und Schärfe deutlich an Schostakowitschs großes Vorbild Gustav Mahler erinnert. Ein anderes bewundertes Vorbild, Beethoven und sein cis-Moll-Quartett op. 131, dürfte das Adagio mitgeprägt haben, dessen Unisono-Thema, dezent von einem Trauermarsch unterlegt, dem ganzen Satz das musikalische Rückgrat gibt. Im abschließenden Moderato lässt der Komponist noch einmal ein Kaleidoskop an Stimmungen vorbeiziehen, tänzerisch und lyrisch, burschikos und rabiat, um doch zuguterletzt zu einem ätherischen F-Dur zurückzukehren.
Johannes Brahms wagte es als 40-Jähriger, endlich aus dem übermächtigen Schatten Beethovens herauszutreten und eine eigene Lösung für die Gattung Streichquartett anzubieten. Wie es des Öfteren seine Gewohnheit war, publizierte er gleich zwei Werke paarweise: Während das c-Moll-Quartett im vergangenen Konzert mit dem Konzerthaus Quartett Berlin erklang, lässt sich nun im 2. Streichquartett a-Moll op. 51,2 verfolgen, wie Brahms seinen eigenen Weg ging – Arnold Schönberg prägte später den Begriff von der „entwickelnden Variation“, die das Grundgerüst für das gesamte Werk bietet.
Das bedeutet jedoch keineswegs eine Abkehr vom klassischen Weg, wie ihn gerade der erste Satz mit erstem und zweitem Thema, Durchführung und Reprise erkennen lässt. Die thematische Verzahnung ist äußerst dicht, andererseits fällt auf, wieviel entspannter Brahms diesmal – im Vergleich zum c-Moll-Quartett – die Musik fließen lässt und auch lyrische Momente einbaut. Geradezu unscheinbar ist im Andante das kurze Motiv der 1. Geige, das Brahms mehr und mehr erweitert und daraus einen vollstimmigen Satz voller Klangzauber entwickelt. Das schlichte Minuetto kombiniert der Komponist überraschenderweise mit einem in Sechzehntelläufen geradlinig voranstrebenden Trio. Kein wirkliches Aufatmen bringt das Finale, auch wenn das Thema noch eine tänzerisch-volkstümliche Note in das Quartett bringt Durch die stete Transformation der Rhythmen gewinnt der Satz etwas Rastloses; die melodische Linie wandelt sich beständig, sie erscheint mal hektisch-vertrackt, mal feierlich und von Pausen durchsetzt. Als Fazit darf man dem Kommentar des Brahms-Freundes und Widmungsträgers Theodor Billroth zu den Quartetten op. 51 zustimmen: „Sie enthalten sehr viel schönes in knapper Form; doch sind sie nicht nur technisch enorm schwer, sondern auch sonst nicht leichten Gehaltes.“
Das Julia Fischer Quartett vereint vier außergewöhnliche Solist*innen: Julia Fischer, Alexander Sitkovetsky, Nils Mönkemeyer und Benjamin Nyffenegger. Das Quartett wurde 2010 während des Fischer-Festivals am Starnberger See gegründet, wo die Musiker*innen eine gemeinsame künstlerische Vision und eine außergewöhnliche musikalische Chemie entdeckten. Heute tritt das Ensemble an renommierten internationalen Veranstaltungsorten auf, darunter das Prinzregententheater in München, die Wigmore Hall in London, die Luxemburger Philharmonie, die Tonhalle Zürich und das Gewandhaus Leipzig. In der Saison 2025/26 begibt sich das Quartett auf eine ausgedehnte Europatournee, bei der neben dem Auftritt im Konzerthaus Berlin auch Aufführungen in Thessaloniki, München, Zürich, London und Tallinn auf dem Programm stehen.
Julia Fischer zählt zu den führenden Geiger*innen unserer Zeit, mit einer Karriere, die von außergewöhnlicher Vielseitigkeit als Solistin, Kammermusikerin, Festivalleiterin und Professorin geprägt war. Als Gewinnerin des Yehudi Menuhin Wettbewerbs 1995 hat sie seitdem mit den weltweit führenden Orchestern zusammengearbeitet und Werke von Vivaldi, Bach und Mozart bis Prokofjew, Sarasate und Eugène Ysaÿe eingespielt.
Alexander Sitkovetsky, geboren in eine traditionsreiche Musikerfamilie in Moskau, debütierte mit acht Jahren und studierte anschließend sieben Jahre an der Menuhin-Schule in der Nähe Londons. Als häufiger Gast bei großen Orchestern und Festivals ist er zudem Gründer des preisgekrönten Sitkovetsky Trios; seit 2017 unterrichtet er an der Hochschule der Künste Zürich.
Nils Mönkemeyer hat das Profil der Bratsche mit seinem breit gefächerten Repertoire, gefeierten CD-Aufnahmen und Auftritten mit bedeutenden internationalen Orchestern neu definiert. Zuvor Professor in Dresden und München, wechselte er 2025 an die Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Der Deutsche Universitätsverband ernannte ihn zum „Universitätslehrer des Jahres 2025" und verlieh damit erstmals eine Auszeichnung an einen Musiker.
Der gebürtige Aargauer Benjamin Nyffenegger, seit 2008 Solocellist des Tonhalle Orchesters Zürich, pflegt darüber hinaus eine ausgedehnte internationale Karriere als Solist und Kammermusiker. Er ist Mitglied des Oliver Schnyder Trio und wirkt als Künstlerischer Leiter von SeetalClassics sowie, gemeinsam mit Julia Fischer, des Boswiler Sommers.