20.00 Uhr
Konzerthausorchester Berlin, Rundfunkchor Berlin, Duncan Ward
ZÜLFÜ LİVANELİ Komponist & Sprecher
Martina Gedeck Rezitation
Henning Schmiedt Musikalische Leitung & Klavier
Romy Camerun Gesang
Özlem Bulut Gesang
Burcu Karadağ Ney
Volker Holly Schlott Saxophon
Giacomo Tagliavia Kontrabass
Uli Moritz Perkussion
ZÜLFÜ LİVANELİ (*1946)
Rumi Suite
Liedtexte aus dem Persischen übersetzt von Aylin Livaneli und Muhammed Amin Seyfi Ala
Als Intermezzi: Gedichte von Rumi, ausgewählt und rezitiert von Martina Gedeck
PAUSE
ZÜLFÜ LİVANELİ
Ausgewählte Lieder
Liebes Publikum,
herzlich willkommen zum ersten Konzert unserer neuen Konzertreihe „Aşina“! Hier ist der Name Programm: „Aşina beschreibt dieses Gefühl, etwas wiederzuerkennen, ohne es wirklich zu kennen: ein Gefühl der Nähe, das keiner Erklärung bedarf“, fasst unsere Dramaturgin Filiz Oflazoğlu das Anliegen dieses neuen Angebots im Konzerthaus Berlin zusammen. Die musikalische Inspiration von Aşina ist der anatolische Kulturraum, wo sich seit Jahrtausenden unterschiedliche Sprachen, Religionen und Gemeinschaften gegenseitig geprägt und bereichert haben, in einem fortwährenden Wechselverhältnis von regionalen und überregionalen Einflüssen. Generationen von Aus- und Einwanderungsgeschichte haben Musikszenen in ganz Europa in diese lebendige Entwicklung einbezogen und den Raum noch vergrößert, aus dem Aşina schöpfen will.
So werden in der ersten Spielzeit ganz unterschiedliche Klänge zu hören sein. Derya Türkan etwa mit seinen Sounds of Mesopotamia, Erkan Oğur mit dem Sänger Ismail Hakki Demircioglu, das Voice of Istanbul Ensemble oder die Berliner Performance Künstler*in Anthony Hüseyin. Zum Start von Aşina gibt uns heute mit Zülfü Livaneli ein wahrhaft legendärer Künstler anatolischer Musikkultur die Ehre. Kürzlich erst feierte er seinen 80. Geburtstag, wir sind froh und stolz, Ihnen zum Auftakt unserer neuen Reihe die Deutschlandpremiere seiner überarbeiteten Rumi-Suite präsentieren zu dürfen!
Ihr Tobias Rempe Intendant
Mevlana Dschalal ad-Din Muhammad Rumi
Hör' auf der Flöte Rohr, was es verkündet,
Hör' wie es klagt, von Sehnsuchtsschmerz entzündet:
Als man mich abschnitt am beschilften See,
Da weinte alle Welt bei meinem Weh.
Ich such' ein sehnend Herz, in dessen Wunde
Ich hieße meines Trennungsleides Kunde:
Sehnt doch nach des Zusammenweilens Glück
Lied der Rohrflöte, Übersetzung aus dem Persischen von Georg Rosen
Manchen gilt er als Sufi-Mystiker, als „der Pol der Liebe“, anderen als Gelehrter und Theologe. Verehrungsvoll Mevlana, „unser Meister“, genannt, wird Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207–1273) als der geistige Vater des Ordens der wirbelnden Derwische, des Mevlevi-Ordens, angesehen. Als Dichter schuf er einige der schönsten und leidenschaftlichsten Gedichte der Literaturgeschichte und zählt damit bis heute zu den weltweit meistgelesenen Autoren.
Aus Afghanistan stammend, lebte der persische Dichter größtenteils in Konya in der heutigen Türkei – damals die Hauptstadt des Sultanats der Rum-Seldschuken, das sich zeitweise über weite Teile Anatoliens erstreckte und politischen und kulturellen Einfluss bis nach Iran, Irak und Syrien ausübte. Unter seldschukischer Herrschaft war Anatolien als Rūm (Land der Römer) bekannt, geprägt von den historischen und kulturellen Spuren des Oströmischen Reiches. Der „Meister“, der sich vorwiegend unter dem Namen Mevlana, oder Maulana, einen Ruf in West- und Zentralasien erwarb, ging in die Geschichte Europas und Nordamerikas vor allem unter seinem Beinamen Rumi ein, was so viel wie „aus Rom stammend“ bzw. „der aus Rom Kommende“ bedeutet.
Rumi hinterließ ein reiches literarisches Erbe, das bis heute bewundert wird und auch mehr als 750 Jahre nach seinem Tod nichts an seiner Aktualität verloren hat. Dies liegt in seiner Fähigkeit, „Anker für diese und Kompass für die andere Welt“ zu sein, wie der Schweizer Sufi Peter Hüseyin Cunz es beschreibt. Er predigte Leidenschaft, Liebe und Frieden. Nach Rumis Lehre werden die Dinge durch ihre Gegensätze klar: Unterscheidungen wie Glaube und Unglaube, Gut und Böse sind aus unserer menschlichen Perspektive gegeben. Das Böse lässt sich nicht vom Guten trennen, denn ohne das Böse wäre es unmöglich, das Böse zu überwinden. Ebenso kann es ohne den Unglauben keinen Glauben geben. Der Schöpfer dieser Gegensätze ist derselbe und trotz dieser scheinbaren Trennung ist die Einheit des Seins das Wesentliche.
Die Befreiung von der Zweiheit und das Erreichen der wahren Einheit (Tauhīd) vollzieht sich für Rumi dadurch, dass der Mensch sich von seinem eigenen Ich und seinem individuellen Selbst löst. Damit verweist er auf das zentrale sufische Prinzip des „Stirb, bevor du stirbst“: die Überwindung des eigenen Ich bereits im diesseitigen Leben.
Liebe, die Raum und Zeit überwindet
Rumi zeichnete seine tiefe Ehrerbietung gegenüber allen Lebewesen aus. Diese Haltung steht eng mit der Liebe im Zusammenhang, die ein zentrales Thema in seiner Lehre ist und die er als eine der grundlegenden Kräfte des Universums verstand. Liebe war für Rumi nicht nur ein geistiges Prinzip, sondern eine Erfahrung, die sein eigenes Leben und seinen Weg zutiefst prägte. Entscheidend war dabei seine Begegnung mit dem Mystiker Schams-e Tabrizi, „der Sonne von Täbriz“. Schams war für Rumi weit mehr als ein geistiger Lehrer: Zwischen den beiden entstand eine tiefe Freundschaft, in der Rumi eine unmittelbare Erfahrung des Göttlichen erlebte. Schams lehrte ihn, die Welt und alle Wesen mit Liebe zu betrachten.
Als Schams zunächst für einige Zeit und schließlich für immer aus seinem Leben verschwand, wurde die Sehnsucht nach ihm zum Ausgangspunkt von Rumis eigener dichterischer und mystischer Erfahrung. Er erkannte, dass er Schams nicht wirklich verloren hatte: Was er durch seinen Freund erfahren hatte, war nun in ihm selbst lebendig. Aus dieser Erfahrung entstanden Tausende von Versen, die Rumi singend und tanzend zum Ausdruck brachte.
Auch den Tod verstand Rumi nicht als endgültige Trennung, sondern als Vereinigung mit dem Geliebten, mit Gott. Sein Todestag am 17. Dezember 1273 wird in der Mevlevi-Tradition daher als Şeb-i Arûs, die „Hochzeitsnacht“, bezeichnet.
Ney-Spieler
Rumi Suite – Gedächtnis und Gegenwart
Die Sehnsucht nach dem Ursprung, nach Verbundenheit und Überwindung von Trennung findet auch in der Musik des Mevlevi-Ordens ihren Ausdruck. Untrennbar mit dieser Tradition verbunden ist das Instrument Ney, eine Rohrflöte. Ihr Klang trägt eine zentrale Metapher aus Rumis Mesnevî in sich, seinem sechsbändigen Lehrgedicht mit mehr als 25.000 Versen in Doppelversform. Die Ney wird dabei zum Bild des Menschen: Wie das Schilfrohr, das von seinem Ursprung getrennt wurde und nun von dieser Trennung singt, verkörpert ihr klagender und zugleich atmender Klang die Sehnsucht des Menschen nach seinem Ursprung. So wird die Ney zum musikalischen Sinnbild von Trennung und Verbundenheit.
In Zülfü Livanelis Rumi Suite erhält die Ney eine überpersönliche, geradezu göttliche Qualität: Ihr Klang wirkt wie ein Ruf aus anderen Sphären, wie der Atem eines Ursprungs, von dem der Mensch getrennt ist. Ihr gegenüber steht das Ensemble, dessen Klang etwas Körperliches, Menschliches zukommt, und an einen Herzschlag erinnernd, die den Atem der Ney aufnehmen und weitertragen.
Mit der Rumi Suite greift Livaneli auf etwas zurück, das längst Teil seines eigenen kulturellen Gedächtnisses geworden ist. Livaneli ist mit Rumis Werk nicht erst als Komponist in Berührung gekommen; seine Gedichte begleiteten ihn seit seiner Kindheit. Er wuchs in Konya auf, besuchte als Kind häufig das Mevlana-Museum und beschreibt seinen Vater als einen tief mit Mevlana verbundenen Menschen.
Lala Mustafa Pascha besucht das Grab Mevlanas in Konya. Unten wirbelnde Derwische und links davon ein Ney-Spieler. Illustration aus der Nuṣretnāme, dem „Buch des Sieges“ (1582)
Als Livaneli sich intensiv mit Rumis Gedichten beschäftigte, habe er sich eines Tages dabei ertappt, Melodien zu ihnen zu komponieren. Es sei keine bewusste Entscheidung, sondern ein von selbst laufender Prozess gewesen. Die ersten Stücke entstanden vor etwa zwanzig Jahren. Daraus entspann sich die Idee einer vollständigen Suite, die kontinuierlich und in unterschiedlichen Besetzungen weiterentwickelt wurde. Die Gedichte seien ihm so neu, frisch und gegenwärtig erschienen, so passend für das 21. Jahrhundert, als wären sie erst gestern geschrieben worden. Erst im Laufe dieses Prozesses wurde ihm bewusst, dass sich ihre Gegenwärtigkeit auch in der musikalischen Sprache der Suite widerspiegelte: Anders als es sein sonstiges Schaffen vielleicht erwarten ließe, entstand sie in einem von Jazz-Fusion geprägten Stil. In ihr überlagern sich damit verschiedene Zeitschichten: die persische Dichtung des 13. Jahrhunderts, die musikalischen Traditionen Anatoliens und eine zeitgenössische, international geprägte Musiksprache. Für Livaneli ist diese Verbindung mehr als eine stilistische Kombination. „Ich liebe den Austausch zwischen den Kulturen. Ich bin ein Kosmopolit“, sagte er 2014 im Gespräch mit der New York Times. Auch die Zusammenarbeit mit dem Pianisten und Komponisten Henning Schmiedt prägte den weiteren Weg der Suite: Bei der Entstehung der Rumi Suite war er von Beginn an sein musikalischer Partner; Komposition und Arrangement gingen dabei Hand in Hand. Über die Jahre entstand die Suite in verschiedenen Fassungen und mit unterschiedlichen Solist*innen. 2025 wurde sie schließlich unter seiner musikalischen Leitung beim türkischen Label CEVLAN und mit dem One Sound Ensemble beim New Yorker Label Drom als Album veröffentlicht.
Livaneli mit Theodorakis
Zülfü Livaneli – Musik zwischen Widerstand und Verständigung
Für Livaneli war die humanistische und universelle Dimension im Denken Rumis weitaus prägender als seine religiösen Lehren. Als geistiger Bezugspunkt zieht sie sich durch sein Leben und Wirken. In Livanelis von Exil und politischer Repression geprägtem Leben blieben Frieden und Menschenrechte sein Kompass: „Wo immer ich jemand Leidendes sehe, schreibe ich ein Lied. Ich engagiere mich nicht für eine bestimmte Bewegung. Wenn ich irgendwo Ungerechtigkeit sehe, schreibe ich darüber.“ 1986 gehörte Livaneli zu den Gründern des Issyk-Kul-Forums, das auf Initiative von Michail Gorbatschow und dem Schriftsteller Tschingis Aitmatow ins Leben gerufen wurde. In Anerkennung seiner kulturellen und politischen Aktivitäten sowie seiner Verdienste um den Weltfrieden ernannte ihn die UNESCO 1996 zum UN-Goodwill-Botschafter. 2016 legte er das Amt aus Protest gegen das Schweigen der Organisation zur Zerstörung historischer Stätten in der Türkei nieder. Außerdem war er eine Legislaturperiode lang Abgeordneter im türkischen Parlament und Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Allein seine zahlreichen Papiere – von einem gefälschten Pass als Geflüchteter bis zum diplomatischen Ausweis als UNESCO-Sonderbotschafter – erzählen von einem Leben zwischen Widerstand, Engagement und Vermittlung: „Manchmal bin ich ein Verbrecher, manchmal ein Diplomat. Aber ich bin immer dieselbe Person.“
Dass Livaneli Poesie und Musik so selbstverständlich miteinander verbindet, hat auch mit seiner eigenen Biografie als Schriftsteller und Musiker zu tun. „Ich hatte nie vor, Musiker zu werden. Ich war Schriftsteller“, sagt er rückblickend. Zum Musiker wurde er gewissermaßen ungeplant: Nach seiner Inhaftierung infolge des Militärputsches von 1971 begann er, Lieder zum Gedenken an verstorbene Freunde zu schreiben. Sein erstes, in Schweden aufgenommenes Album wurde in der Türkei verboten und fand gerade dadurch seinen Weg in die Untergrundbewegung. „Die Studenten marschieren zu deinen Liedern“, informierte sein Bruder den ahnungslosen Livaneli über deren enorme Wirkung.
Diese gelassen wirkende Verbindung von Schreiben, Singen und Komponieren erinnert an eine Tradition, die Livaneli in der anatolischen Kultur besonders fasziniert: die des wandernden Dichters und Sängers, dem Aşık. Sie reicht in ihren Ursprüngen bis zu Homer zurück und brachte über die Jahrhunderte so prägende Namen wie Rumi, Yunus Emre, Pir Sultan Abdal und Karacaoğlan hervor. In einer vor allem mündlich geprägten Kultur trugen die Aşıklar Gedichte, Melodien und Geschichten von Ort zu Ort und von Generation zu Generation. Diese Form der Überlieferung ist auch für Livanelis Verständnis der musikalischen Tradition Anatoliens zentral. Aus dieser Perspektive versteht Livaneli die Musik Anatoliens nicht als eine Sammlung klar voneinander getrennter Traditionen, sondern als das Ergebnis Jahrhunderte andauernder Begegnungen und Weiterentwicklungen. Als Ausgangspunkt seiner eigenen kompositorischen Arbeit wählte er deshalb die Musik der Aşıklar. Ihre musikalischen Strukturen, die vor allem auf Pentatonik beruhen, bilden für ihn eine Grundlage, aus der sich neue Verbindungen von Mehrstimmigkeit, Orchesterklang und zeitgenössischen musikalischen Formen entwickeln lassen.
Seine Fähigkeit, poetische Texte in Musik zu überführen, zeigt sich auch in seinem umfangreichen Liedschaffen. Mit rund 300 Kompositionen, mehr als 30 Alben und zahlreichen Filmmusiken gehört Livaneli zu den prägenden Komponisten der modernen türkischen Musik. Seine Lieder wurden von Künstler*innen wie Mikis Theodorakis, Maria Farantouri, Jocelyn B. Smith, George Dalaras und Joan Baez interpretiert und in zahlreiche Sprachen übertragen. Mit Farantouri verband ihn eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, die sie auch auf internationale Bühnen führte: Gemeinsam traten sie unter anderem in Deutschland, Frankreich, Griechenland und den USA auf. Im Jahr 2000 sangen sie unter der Leitung von Zubin Mehta bei der UNESCO-Millenniumsfeier in Paris.
In der Türkei gehören seine Lieder inzwischen zum kollektiven kulturellen und politischen Gedächtnis. Viele sind heute Klassiker, die noch immer gesungen und an die Nachkommenden weitergegeben werden. In ihnen hallen die Stimmen der Aşıklar nach sowie die Sehnsucht nach Freiheit, Frieden und gesellschaftlichem Miteinander.
Sie verbinden in Ihrer Musik unterschiedliche musikalische Traditionen. Wie gehen Sie als Komponist mit der Frage um, was von einer Tradition bewahrt werden sollte und was sich verändern und weiterentwickeln darf?
Die Türkei ist in dieser Hinsicht ein sehr komplexes Land. In manchen Ländern ist klar, was Volksmusik und was höfische Musik ist. In der Türkei ist das viel komplizierter. Wir haben die osmanische Hofmusik, die stark von persischer und aserbaidschanischer Musik beeinflusst ist, und zugleich byzantinische Einflüsse. Dazu kommen die unterschiedlichen regionalen Traditionen: In der Ägäis etwa die Musik der Zeybeken, in Thrakien und auf dem Balkan andere Traditionen, am Schwarzen Meer die pontische Musik, im Osten armenische und kurdische Einflüsse, weiter südlich arabische Musik. Auch die Rhythmen unterscheiden sich stark.
Und dann kam vor etwa 200 Jahren noch die westliche Musik hinzu. Die Frage ist also: Wie bringt man all das in eine musikalische Sprache? In meiner eigenen kompositorischen Arbeit habe ich mich dafür entschieden, die Musik der anatolischen Aşıklar, der wandernden Sänger und Dichter, als Grundlage zu nehmen. Sie ist pentatonisch und lässt sich deshalb relativ leicht mit Mehrstimmigkeit verbinden. Das hat es auch ermöglicht, dass meine Musik von Orchestern wie dem Royal Philharmonic Concert Orchestra, London Symphony Orchestra, Moscow Symphony Orchestra oder der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz gespielt werden konnte. Eine Musik, die vollständig auf Vierteltönen und anderen nicht standardisierten Tonsystemen beruht, wäre für ein Sinfonieorchester viel schwieriger zu spielen.
Ich glaube deshalb, dass wir Goethes Idee der Weltliteratur auch auf die Musik übertragen sollten: Musik sollte nicht in voneinander getrennten kulturellen Kategorien gedacht werden, sondern als etwas, das miteinander in Beziehung steht.
Heute wird viel über „transtraditionelle“ Musik gesprochen – über Musik, die aus der Begegnung verschiedener kultureller Traditionen entsteht. Wie blicken Sie auf diesen Begriff vor dem Hintergrund der musikalischen Traditionen Anatoliens?
Unsere Musik in Anatolien ist schon seit Jahrhunderten transtraditionell. Sie ist aus dem Zusammenleben und der gegenseitigen Beeinflussung so vieler Kulturen entstanden, dass man irgendwann gar nicht mehr eindeutig sagen kann: Das ist diese Musik, und das ist jene Musik. Welche Tradition gehört zu welcher Gruppe? Es ist eine große Vermischung.
Das gilt auch für die Instrumente. Die Bağlama etwa, unser wichtigstes Instrument, hat ihre Ursprünge in Zentralasien. Bei einer bestimmten Stimmung, dem sogenannten bozuk düzen, gibt es wiederum eine Verbindung zur Geschichte der griechischen Bouzouki. Während des Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei wurde dieses Instrument verändert und weiterentwickelt. Wie also soll man sagen, wem diese Musik gehört? Musik hat keinen Pass. Wer sie spielt, macht sie zu seiner eigenen.
Musik kennt keine Grenzen. Deshalb sollten wir auch nicht von einem einzigen Zentrum aus auf die Musik der übrigen Welt als etwas Exotisches schauen. Die Welt ist viel reicher.
Makam-Musik und andere musikalische Traditionen Anatoliens werden heute zunehmend als Quelle für zeitgenössische Musik entdeckt. Was macht diese musikalischen Traditionen für heutige Komponist*innen interessant?
Ich glaube, dass wir gerade erst anfangen zu verstehen, wie reich diese musikalischen Quellen sind. Die moderne Musik sucht nach neuen Möglichkeiten, und dabei entdeckt sie auch Tonsysteme und musikalische Formen, die lange Zeit nicht als gleichwertig angesehen wurden. Man sollte diese Musik nicht einfach konservieren. Man muss sie verstehen und weiterdenken. Das ist auch der Grund, warum ich die Idee der Weltmusik so wichtig finde: Wir sollten die musikalischen Reichtümer der Welt miteinander in Beziehung setzen und daraus etwas Neues entstehen lassen.
Die Konzertreihe Aşina geht von der Idee aus, dass uns das vermeintlich Fremde oft näher ist, als wir denken. Was kann jemand, der Sie mit der Rumi Suite zum ersten Mal hört, in dieser Musik entdecken – über Sie und vielleicht auch über sich selbst?
Die Türkei ist ein unbekanntes und sehr komplexes Land. Selbst wir diskutieren noch immer darüber, was eigentlich die Identität der Türkei ausmacht. Es gibt nicht die eine türkische Musik. Wenn jemand in Deutschland „türkische Musik“ hört, hat er oft schon ein bestimmtes Bild im Kopf. Aber je nachdem, welche Musik man hört, können Welten dazwischenliegen.
Das habe ich immer wieder erlebt: Menschen hören meine Musik und sagen zunächst, das klinge gar nicht wie türkische Musik. Aber es ist keine „marginale“ Musik. Sie hat ihre Grundlage in der Musik, die über Generationen von Millionen Menschen gehört wurde. Wenn man diese Musik hört, kann sich auch das eigene Bild von der Türkei verändern.
Das habe ich auch mit Orchestern erlebt. Am Anfang gibt es manchmal eine bestimmte Vorstellung, wenn sie hören, dass sie Musik eines türkischen Komponisten spielen. Aber während des Konzerts verändert sich diese Wahrnehmung. Es entsteht die Erkenntnis: Das ist nicht die Musik, die ich erwartet habe. Das Bild der Türkei in der Welt ist leider von vielen negativen Seiten geprägt. Aber die Türkei ist nicht nur das, was man von ihr zu kennen glaubt. Es gibt da auch viele gute und vielfältige Dinge, die oft nicht gesehen oder unterschieden werden.
Right and Wrong
There is a place
Beyond right and wrong
There’s a place
Where we belong
There’s a time
There’s a truth
Far beyond
What’s right and wrong
Like a star
Without a name
Like a river
With no shame
Like a scream
Like the pouring rain
Like thunder, I’ll
Shout my beloved’s name
I’ll meet you there
Breath
How long will you care about your fateful life?
How long will you fuss about this harmful world?
The only thing they can take away is your body
Don’t waste your time, don’t waste your thought
Don’t waste your time, don’t waste your breath
Yesterday
How lovely to flow each day
And then to rest and flow away
Not frozen, like waterfalls,
nor shy like rivers and the snow
Yesterday has passed along
Like the words of yesterday
How lovely to flow each day
And then to rest and flow away
How lovely to flow each day
It’s time to have new words to say
It’s called Love
To sell the world for nothing
It’s called love
So shed your being and go
It’s called love
To serve your nectar to somebody else
And drink the bitter poison
It’s called love
When trouble rains down
from heavens above
Put your head right through it
It’s called love
This world is a sea of fire
Throw yourself right into it
It's called love
Son of Ashref Rumi
Just know the truth
To give up life altogether
It’s called love
Free Yourself
If you can free your soul and your body
from the devil’s hand
You’ll have your rightful place
In God’s heavenly land
If you can finally hunt down
The beast within your self
You’ll find your way into
Solomon’s thrown
If you see the bird of soul
in the darkness of your night
Why doom yourself to a life that
Brings eternal pain
But if you free yourself
from the dark prison of your body
soon you will see
You’re the fountain of life
If you’re a blessed soul who belongs
to God’s paradise
Then why imprison yourself
In the cage of your skin and eyes
If you see the bird of soul
in the darkness of your night
Why doom yourself to a life that
Brings eternal pain
Music
Today I’m myself again
I wake to the sound
Calling my name
Oh open the door
Oh open door
To me, my lovely
and let me come in
Oh Open the door
To me, my lovely
I’m you and you’re me
Let go of your worries and your fears
Let the beauty of life shine through
All day and night music
If it fades we fade
Oh Soul
Oh soul, you worry too much
Oh soul, why worry so much
If you’re drunk with my love
Just let it wash over you
Why do you worry?
If you’re my lion
Why fear the sweet gazelle?
Why do you worry?
Oh soul why worry so much?
Why worry so much?
If I’m your moon faced beauty,
Why worry about the passing of the months and years?
Why do you worry?
If you desire me and
Want me by your side,
Why fear the chaos of passion?
Why do you worry?
If you’re a mine
Of sugarcanes
Why that frown, why that sour face?
You’ve tamed the stallion of love
So why worry about the death of a lout?
Tell me why you worry
Why do you worry?
If I treat you so kind,
Then why this cold sigh?
You’ve climbed up to the the roof of your fate,
Why care about this fading life?
Why do you worry?
You’ve heard me sing, you’ve seen me cry
You’ve seen me walk on the highest wire
Then why fear the circle of life’s fire?
Why do you worry?
Why hold on to this body,
Why fear the unknown?
You’re hands are filled with treasure,
So why worry about fake stones?
Why do you worry?
Who can escape from your beauty?
From your intricate trap?
You are Joseph,
All of Egypt is drunk with your love,
Then why fear the deaf and blind
Who don’t see the depth of your soul?
Why do you worry?
You’re the love and kindle of my poor heart,
Why worry about the dagger that stabs yours?
You’ve entered the fertile garden of of my soul,
Why not drink the nectar of its rich fruit?
If all the doors have been closed one by one,
Then why worry about the hinges ?
You’ve seen your tide,
You’ve seen your arms and wings
You’ve seen the greatness of your strength,
Then, tell me, why fear the weak?
Oh the soul of my soul, oh the shelter of wanderers
Oh the sultan of sultans, why fear the king?
Ssshhh be quiet,
Like a fish in that beautiful sea
You’re now in the depths of that sea,
So why fear the fire?
Why do you worry?
Beautiful
In the cold, in the rain, he’s more beautiful
By my side, by my side
Love’s on my side
By my side, by my side
In the clouds, so high
My lover, like a treasure, sits by my side
So handsome and so gentle, so full of life
I’ll run to his shelter to hide from the cold
There’s no one like him, no one like him will ever be born
I kiss his lips under the snow
His sweetness keeps my heart fresh in this cold
I have no strength, all my power’s gone
They took me away and brought me back again
When the spirit of his soul creeps up in my heart
My heart leaps, up in flames, and I feel his freshness again
Eternal Day
Be a Sufi
Forget about the past
Put it all away
Start a fresh new day
Rescue your being
From yesterday
Become a child
Of this new age
Of the wisdom and smile of youth
Never leave this wonderful moment
This eternal day
Geboren in München, in Berlin lebend und dort am Max-Reinhardt-Seminar ausgebildet, gehört Martina Gedeck zu den international erfolgreichen, gefeierten Schauspielerinnen unserer Zeit. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf dem filmischen Gebiet. In mehr als 140 Kino- und TV-Produktionen hat sie mitgewirkt, ausgezeichnet mit über 50 nationalen und internationalen Preisen. Herausragend sind ihre Arbeiten in „Rossini“, „Die Wand“ oder der „Der Baader-Meinhof-Komplex“.
Ihr Schaffen umfasst Arbeiten u.a. in Frankreich, Italien, Spanien und den USA mit Künstlerpersönlichkeiten wie Istvan Szabo, Guillaume Nicloux, Mika Kaurismäki, Sergio Castellito, Matt Damon, Helen Mirrenu. a.
Stationen ihrer Bühnentätigkeit waren u. a. das Schauspielhaus Hamburg, Theater am Turm Frankfurt, Schauspiel Basel, Salzburger Festspiele, Deutsches Theater Berlin.
Als erfahrene und ausdrucksstarke Sprecherin Poesie mit Musik zu verbinden, ist die Essenz ihrer Arbeit mit namhaften Orchestern, Ensembles und Solisten. Entstanden ist ein Repertoire unterschiedlichster musikalisch-literarischer Couleur, mit dem sie die großen (u.a. Elbphilharmonie, Konzerthaus Wien, Kunsthalle Maag Zürich) und kleinen Konzerthäuser des deutschsprachigen Raums bespielt.
2020 war sie in der Staatsoper Berlin in Beat Furrers Uraufführung der Oper „Violetter Schnee” und 2024 an der Semperoper Dresden in Boitos "Mefistofele" zu sehen.
Henning Schmiedt lebt und arbeitet in Berlin. Als Pianist, Komponist und Arrangeur bewegt er sich seit vielen Jahren zwischen Jazz, Weltmusik, zeitgenössischer und neoklassischer Musik. Zu seinen langjährigen musikalischen Partnern gehören unter anderem Zülfü Livaneli, Mikis Theodorakis, und Maria Farantouri. Seine kompositorische Arbeit umfasst ein breites Spektrum. Schmiedt schrieb Werke für zeitgenössische Jazz- und Weltmusikensembles, ein Requiem sowie zahlreiche Film- und Dokumentarfilm-musiken. Für seine Arrangements von Werken von George Gershwin und Kurt Weill erhielt er den Jazz Award der IFPI. Einen weiteren Schwerpunkt bilden seine Solo-Piano-Arbeiten. Eine besondere Bedeutung in seinem künstlerischen Schaffen hat die seit den frühen 1990er-Jahren bestehende bis heute andauernde Zusammenarbeit mit Zülfü Livaneli. Henning Schmiedts Arbeit steht für eine grenzüberschreitende, offene Musiksprache, in der sich unterschiedliche kulturelle Traditionen, Improvisation und Komposition begegnen.
Romy Camerun ist Jazzsängerin und Pianistin. Sie hat mit vielen internationalen Jazzgrößen wie Clark Terry, Benny Golson, Herb Geller und Al Porcino zusammengearbeitet. Sie arbeitete mit der HR Big Band und mit der NDR Big Band. Camerun hat mehrere CDs veröffentlicht, u.a.: „Bridges“, „Live“ (Romy Camerun & Band) und „What‘s new?“ (Ed Kröger Quintett featuring Romy Camerun). Vor einigen Jahren gründete sie das Romy Camerun Trio mit ihr selbst am Klavier. Sie arbeitet als Dozentin an der Folkwang-Hochschule in Essen und der Hochschule für Künste in Bremen. Romy Camerun arbeitet seit vielen Jahren als Theatermusikerin und Komponistin für Produktionen am Goethe Theater Bremen, Staatstheater Augsburg, Theater St. Gallen, Theater Luzern, Schauspiel Erlangen u.a.
Özlem Bulut ist eine international renommierte Musikerin und Sängerin. Sie wurde in der Türkei geboren und studierte in Istanbul, bevor sie ihr Masterstudium im Operngesang in Wien abschloss. Anschließend begann sie ihre Tätigkeit an der Volksoper Wien und trat an renommierten Häusern wie der Wiener Staatsoper und der Opéra Bastille auf. Neben ihrer klassischen Gesangsausbildung beschäftigte sie sich intensiv mit traditioneller Musik und Crossover-Stilen. Mit ihrem Ensemble, der Özlem Bulut Band, verbindet sie orientalische und westliche Klänge und verschmilzt traditionelle anatolische Musik mit modernen Pop-, Jazz- und Elektroelementen. Ihre Musik zeichnet sich durch ihre kraftvolle Stimme und gesellschaftlich engagierte Texte aus. Sie veröffentlichte mehrere Alben und gewann unter anderem den Austrian World Music Competition sowie den Austrian Mia Award als „Erfolgreichste Frau“.
Burcu Karadağ ist in Istanbul geboren und aufgewachsen. Sie studierte am staatlichen Konservatorium für türkische Musik der Technischen Universität Istanbul und verfeinerte bei Salih Bilgin und Niyazi Sayın ihr Ney-Spiel. Sie arbeitete mit namhaften Künstler*innen wie Tuluğ Tırpan, Sertab Erener, Martin Grubinger, Rüdiger Oppermann, Angelika Akbar, İhsan Özgen, Önder Focan und Okay Temiz zusammen. 2005-2007 spielte sie im Cemil Reşit Rey Turkish Music Ensemble. Im Jahr 2013 veröffentlichte sie das erste Ney-Album einer Ney-Spielerin überhaupt mit dem Titel „NEYZEN“, mit ausgewählten Werken der klassischen türkischen Musik sowie Fazıl Says „Hezarfen“-Konzert für Ney und Orchester, das eigens für sie geschrieben wurde. Im März 2019 erschien das Album „Ney in Ethno Jazz“, das einen Jazz-Ansatz mit traditionellen anatolischen Melodien verbindet, die durch Karadağs Spiel zu neuem Leben erweckt werden. Seit 2004 ist sie Dozentin für Rohrblattinstrumente an der Haliç-Universität. Neben der Musik ist auch eine Ebru-Künstlerin, der Kunst des Malens auf dem Wasser.
Die seit 1974 in Berlin lebende Musikerin arbeitet in sehr unterschiedlichen Genres und ist immer auf der Suche nach neuen kreativen und innovativen Projekten. Seit ihrem Musikstudium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin 1974-80 agiert sie als Musikerin, Komponistin, Dozentin und Produzentin. Neben eigenen Bands wie dem Volker Schlott Quartett, UNIQUE, FeinCost oder FAVO wird sie regelmäßig als Gastsolistin engagiert. Sie spielte Tourneen und Konzerte mit Pierre Dørge, Billy Jenkins, James Morisson, Joachim Kühn, Cecil Taylor, Rei Harakami, u. a. Als Solistin/Komponistin/Arrangeurin war sie seit 1987 an über 100 CD-Produktionen beteiligt. Seit 2006 arbeitet sie auch zunehmend als Produzentin für andere Musiker*innen wie Jocelyn B. Smith oder Tom Zips. Seit 1992 ist sie auch Dozentin am Jazzinstitut Berlin. 2018 bekannte sie sich offiziell als Transgender und wählte Holly Schlott als ihre neue Identität. Damit beschäftigt sie sich auch mit dem Projekt „2 spirits + Band“ und zeigt, dass das Thema Transidentität im Jazz bisher nur wenig Aufmerksamkeit erfuhr.
Giacomo Tagliavia ist ein sizilianischer Bassist und Komponist mit Sitz in Berlin. Verwurzelt in Jazz und klassischer Musik bewegt sich seine Arbeit in einem breiten stilistischen Spektrum, das unter anderem Rock, R&B, elektronische Musik und Afrobeat umfasst und mit dem er in vielfältigen musikalischen Kontexten auftritt.
Im Jahr 2014 wurde Giacomo in das Italian Dictionary of Jazz aufgenommen, herausgegeben vom Musikjournalisten Flavio Caprera. Mit einem starken Fokus auf rhythmischer Tiefe und melodischer Entwicklung ist sein Spiel sowohl vom traditionellen als auch dem zeitgenössischen europäischen Jazz beeinflusst.
Giacomo ist Absolvent des City College of New York sowie des renommierten Global Jazz Institute am Berklee College of Music. Geprägt von der reichen kulturellen Geschichte Siziliens widmet sich seine aktuelle künstlerische und kompositorische Arbeit der Erforschung dieses musikalischen Schmelztiegels und verbindet traditionelle sizilianische Elemente mit Einflüssen aus Jazz und klassischer Musik.
Uli Moritz ist Schlagzeuger, Perkussionist, Rhythmuslehrer und Autor. Seine seit ca. 45 Jahren andauernde Unterrichts- und Konzerttätigkeit führte ihn unter anderem nach Estland, die USA, Mongolei, Tunesien, China und in die Türkei. Als eigenständiger Musiker war er neben seinen Solo-Projekten auf über 150 LPs und CDs beteiligt. Er ist Lehrer für Schlagzeug, Perkussion und Bodypercussion an der Musikschule Neukölln, Dozent an der UdK Berlin, an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und an zahlreichen deutschen Landesmusikakademien und Musikhochschulen. Er leitete Workshops zu Bodypercussion, Stimme und Rhythmus, Rhythmus-Pädagogik, musikalischer Kreativität und Kommunikation, Rhythmen der Welt und Musik mit Alltagsmaterialien. Uli Moritz ist Autor vieler rhythmuspädagogischer Bücher und DVDs, die im Helbling-Verlag erschienen sind. Er schrieb Beiträge in Fachbüchern und Fachzeitschriften.
Wer sich einen Platz an unserer Orchesterakademie erspielt, ist mit dem Musikstudium meistens fast fertig und beherrscht sein Instrument auf jeden Fall hervorragend. Im Konzerthausorchester lernen die Stipendiatinnen und Stipendiaten den Alltag ihres künftigen Berufs kennen. Immer ein Thema: Wo finden Probespiele um Orchesterstellen statt?