20.00 Uhr
Konzerthausorchester Berlin, Rundfunkchor Berlin, Duncan Ward
Das sechste „Festival für automatisierte und zeitgenössische Orgelmusik“ AGGREGATE findet erstmals in Zusammenarbeit mit uns statt. Dafür wurde die Jehmlich-Orgel im Großen Saal zur sogenannten Hyperorgel umgerüstet – erstmals lässt sich das Instrument über eine MIDI-Schnittstelle direkt per Computer ansteuern.
Das von Marion Wörle und Maciej Śledziecki gegründete Duo gamut inc ist in der aktuellen Saison Residenzensemble innerhalb unser Orgelreihe und spielt am 30. September das Eröffnungskonzert. Wir haben Marion Wörle dazu ausgefragt.
Seit Maciej Śledziecki und ich mit automatisierten Maschinen arbeiten, gibt es gamut inc. Für den Namen haben wir uns 2013 entschieden, denn „Gamut“ ist das Spektrum aller Farben, die ein Gerät wiedergeben kann: Je nach Projekt sind ganz unterschiedliche Teams Teil von gamut inc.
Ich komme eher aus der elektronischen Musik, Maciej hat Gitarre und Komposition studiert. Als wir die computersteuerbare Orgel entdeckt haben, war das für uns der Moment, in dem wir dachten, jetzt kommen diese zwei Welten einfach in Perfektion zusammen. Unsere erste Begegnung mit einer computergesteuerten Orgel hatten wir 2009 in der Kunststation Sankt Peter in Köln.
Jede Orgel ist ein Unikat und bringt die Architektur mit, in der sie steht. Mit jeder ist eine eigene Klangästhetik verbunden, schon allein, was die Raumphysik, Nachhallzeiten und so weiter angeht. Für uns ist das ein unerschöpflicher musikalischer Raum, der uns immer wieder begeistert. Deswegen sind wir an den Orgeln drangeblieben. Fast jede Orgel, die wir steuern, wird zum ersten Mal vom Computer gesteuert, denn der Weg bis dahin ist nicht einfach: Man braucht Zugang zu Orten, an denen Instrumente stehen, und mit der entsprechenden Technik kennen sich bisher auch nur vergleichsweise wenige Menschen aus. Und diese Technik muss natürlich vor Ort vorhanden sein.
Manche Orgeln haben schon seit den 1980er Jahren einen MIDI-Zugang. Den hat man damals eingerichtet, um Orgeln leichter stimmen zu können, ohne am Spieltisch zu sitzen oder Musikstücke abspielen zu lassen. Aber genutzt hat das unseres Erachtens nach eigentlich niemand. Aber wir haben uns schon einige Orgeln damit erschlossen. In den letzten 15 Jahren sind viele moderne, schnellere, über Netzwerk verbundene Systeme hinzugekommen. Die Möglichkeit, die Jehmlich-Orgel im Konzerthaus als Hyperorgel zu spielen, haben wir in einem längeren Kommunikationsprozess initiiert und die Orgelbaufirma sinua aus Düsseldorf hat die technischen Voraussetzungen geschaffen.
Black Square ist unsere neue modulare Orgel, die wir letztes Jahr mit dem belgischen Orgelbauer Decap entwickelt haben. Auf ihr kann man den Ein- und Ausschwingvorgang kontrollieren, was normalerweise auf der Orgel nicht möglich ist. Da sind Ventile verbaut, mit denen bei jeder Pfeife einzeln millisekundenschnell der Winddruck gesteuert werden kann. Das bringt klanglich vollkommen neue Möglichkeiten. Beim Festival kombinieren wir Black Square wie eine Art Fernorgel mit der Jehmlich-Orgel.
Genau, nichts kommt aus dem Lautsprecher. Es ist immer wieder faszinierend, tausende Pfeifen zu hören. Da passiert etwas ganz anderes als bei Soundsystemen: Alles ist Luft, die von den Pfeifen bewegt wird, und der Klang wandert wirklich in alle Ecken. Was unsere Konzerte am ehesten mit einer Messe verbindet, ist, dass auch sie eine Art Ritualcharakter haben: Man geht in diesen Raum, macht die Tür zu, ist ganz woanders und taucht komplett ein. Das ist der schönste Zustand, den ich mir für das Publikum wünschen kann.
Unsere Vision von Musik dockt nicht ans Kirchenrepertoire an, also haben wir schon ein anderes Publikum als klassische Orgelkonzerte. Es ist sehr breit aufgestellt. Für unsere Projekte holen wir zusätzlich Künstlerinnen und Künstler zu gamut inc, die nicht von der Orgel kommen, sich aber bei uns mit ihr befassen, Stücke adaptieren oder für das Instrument schreiben und es wie einen Synthesizer auffassen. Auch sie bringen unterschiedliches Publikum mit.