Ex Utero - A new Marian Vespers

By Anna Schors Feb. 26, 2026

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Inhalt

THE PRESENT 
    HANNA HERFURTNER  
Sopran
    OLIVIA STAHN  Sopran
    BERNADETTE BECKERMANN  Alt
    AMÉLIE SAADIA  Alt
    TIM KARWEICK  Tenor
    ROBERT SELLIER  Tenor
    FLORIAN GÖTZ  Bass
    FELIX SCHWANDTKE  Bass
LEE SANTANA  Theorbe
JULIANE LAAKE  Violone
MIRA LANGE  Orgel und Cembalo

Hildegard Westerkamp (*1946)   

„Breaking News“ für 2-Kanal-Zuspielung (2002)

Chiara Margarita Cozzolani (1602 - ca. 1676-78)                                       

„Dixit Dominus“ aus: „Salmi a otto voci concertati“ op. 3 (1650)

Hildegard Westerkamp                     

„Moment one“ aus: „Moments of Laughter“ für 2-Kanal-Zuspielung und gemischtes Vokalensemble (1988)

Chiara Margarita Cozzolani

„Bone Jesu, fons amoris“ aus: „Concerti sacri“ op. 2 (1642)

Laetatus sum“ aus: “Salmi a otto voci concertati” op. 3 (1650)                                   

Catherine Lamb (*1982)

„pulse/shade“ für vier ähnliche, höhere Stimmen (2014/18)

Hildegard Westerkamp                     

„Moment five” aus: „Moments of Laughter” (1988)

Chiara Margarita Cozzolani

„Ave Regina caelorum” aus: „Concerti sacri” op. 2 (1642)

Michèle Bokanowsky (*1943)                 

Korè” für acht Stimmen und Tonband (1972)

Hildegard Westerkamp                       

„Moment 9” aus: „Moments of Laughter” (1988)
                                      
Chiara Margarita Cozzolani

„Laudate pueri (primo)” aus: „Salmi a otto voci concertati” op. 3 (1650)

Liebes Publikum,

herzlich willkommen im Konzerthaus und zu unserem Festival „Vom Anfangen“!

Über drei lange Wochenenden widmen wir uns dem Moment, in dem Neues entsteht, der erste Ton vom Nichts ins Dasein strebt und vielleicht lange aufgeschobene Fragen Gestalt annehmen. Es geht um die Vielfalt der Möglichkeiten vor dem ersten Schritt, den Mut, den es für den Aufbruch braucht, die Zweifel im Prozess und die Landung im Neuen. Dabei sind Startschwierigkeiten, weit über das berühmte weiße Blatt Papier hinaus, eine sehr gegenwärtige Herausforderung. Jeder gute Vorsatz braucht den Impuls zur Umsetzung, jede Idee muss sich im Tun beweisen, und in einer immer krisenhafteren Welt wird die Frage nach dem Anfangen längst auch zu einer Frage nach dem Nicht-So-Weitermachen.

Wir haben unsere Festivalwochenenden in die Kapitel Aufbruch – Chaos – Schöpfung gegliedert und freuen uns, Sie in unterschiedlichste Perspektiven mitzunehmen. Zu Beginn verbinden sich das Konzerthausorchester und zahlreiche Berliner Ensembles zu einem utopischen, Traditionen übergreifenden Orchester, und Reginald Mobley spürt zwischen Händel und afroamerikanischen Spirituals den musikalischen Spuren des American Dream nach. Am zweiten Wochenende geht es unter anderem mit Nele Pollatschek um das ewige Prokrastinieren und mit Tabea Zimmermann um die Schönheit des Unfertigen. Die größte und älteste Geschichte vom Anfang kommt zum Schluss, wenn Joana Mallwitz den RIAS Kammerchor und das Konzerthausorchester durch Haydns „Schöpfung“ leitet.

Ich wünsche Ihnen viel Freude mit unserem Festival!

 

Tobias Rempe
Intendant

Maria, Mutterschaft und moderne Messen

Jede Sekunde erblicken zwei Neugeborene das Licht der Welt – das besagen Erhebungen der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Zwei Babys pro Sekunde, fast schon eine Sensation! Was wäre, wenn Nachrichtensender die Geburt eines neuen Erdenbürgers mit der gleichen Aufmerksamkeit belohnen würden wie die Unfälle der Weltpolitik? Ob wir uns dann stärker auf die Chancen der Zukunft als auf die Tragödien der Gegenwart besinnen würden?

Um Fragen wie diese kreist die moderne Marienvesper „Ex Utero“, die das Vokalensemble The Present aus Musik von vier Komponistinnen der Vergangenheit und Gegenwart konzipiert hat: Eine musikalische Reflexion über die biblische Urmutter Maria und den Kreislauf des Lebens. 

Den Auftakt gibt „Breaking News“ der Klangkünstlerin Hildegard Westerkamp aus Vancouver. Das Stück verarbeitet Aufnahmen der ersten Lebensäußerungen von Westerkamps Enkelin, die wenige Wochen nach den Anschlägen des 11. September 2001 zur Welt kam. „Seither wurden viele Kinder geboren, die (...) das Gleichgewicht in unserem Leben zugunsten von Liebe und Freude statt Hass und Terror verschoben haben. Und dennoch wird die Nachricht vom Leben in diesem Sinne auf das Privatleben beschränkt und hat im politischen und öffentlichen Leben nicht das gleiche Gewicht", so Westerkamp. Die Atem-, Wein- und Schmatzgeräusche des Babys bettet sie in dramatisierende Soundscapes ein – ähnlich wie es reißerischer Boulevardjournalismus tun würde. „Breaking News“ ist ein Stück Medienkritik und zugleich eine Einladung, die Geburt eines Kindes zu feiern als das, was es ist: ein Wunder.

Lebensbejahende Klostermusik: Die mehrstimmigen Gesänge von Chiara Margarita Cozzolani

Das Grundgerüst für „Ex Utero“ liefert die Komponistin und Nonne Chiara Margarita Cozzolani, die im 17. Jahrhundert im Mailänder Kloster Santa Radegonda lebte. In wie vom Himmel kommender Polyphonie ehrt ihr „Ave Regina Caelorum“ die Himmelskönigin als Stellvertreterin aller irdischen Mütter. Auch Auszüge der „Salmi a otto voci“ beschwören weibliche (Er)schaffenskraft: „Ex utero ante luciferum genui te – vor dem Morgenstern habe ich dich aus dem Leibe gezeugt”, heißt es in der Psalm-Vertonung „Dixit Dominus“ für 8 Stimmen. Zwei von ihnen besingen in „Bone Jesu, fons amors“ in inbrünstigen Wortwiederholungen das Jesuskind als Quelle der Liebe selbst, um in „Laetatus sum“ wieder in mehrstimmigen Jubel auszubrechen. Vermutlich komponierte Cozzolani die „Salmi“ für die österreichische Prinzessin Maria Anna, die auf der Durchreise nach Spanien eines der Klosterkonzerte in Santa Radegonda besuchte. Diese hatten die Ordensschwestern auch außerhalb Mailands berühmt gemacht. Ein Zeitzeuge berichtet: „Sie scheinen wie reine Schwäne zu sein, erfüllt von Melodiösität, die das Herz mit Staunen erfüllt und die Zunge zu ihrem Lob anregt.”

Den bischöflichen Behörden aber war die Weltlichkeit der Betschwestern ein Dorn im Auge. Mit Zensur und Verboten versuchten sie, die Musik in Santa Radegonda zum Schweigen zu bringen. Chiara Margarita Cozzolani gelang es dennoch, vier ihrer Werke zu veröffentlichen.

Moderne Engel: Elektronische Musik von Hildegard Westerkamp, Catherine Lamb und Michèle Bokanowski

Cozzolanis liturgische Gesänge verschmelzen mit elektroakustischer Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Wie schon in „Breaking News“ singen darin höchst irdische Engel: Kinder. „Moments of Laughter“, auch von Hildegard Westerkamp, verarbeitet Mitschnitte, mit denen die Komponistin die stimmliche Ich-Werdung ihrer Tochter protokolliert hat. In kurzen, persönlichen Klang-Collagen hören wir, wie sich Babygebrabbel in erste Worte und schließlich in eine voll entwickelte Stimme verwandelt. Dazu erklingt live Gesang, der auf die Kinderstimme reagiert. Ist es die Stimme der Mutter, die das Kind tröstet, ermutigt und erzieht? Oder ist es die Stimme des Erwachsenen, der sich in dem akustischen Abbild des Kindes spiegelt, das er selbst mal war? Der Titel des Stücks nimmt auf die Psychoanalytikerin Julia Kristeva Bezug, die in kindlichem Gelächter Momente erster Kreativität sieht: Ein Kleinkind lache in dem Augenblick, so Kristeva, wo es sich selbst als eine von der Mutter getrennte, unabhängige Entität erkenne. Man könnte sagen: Ein Kind erschafft lachend sein Ich. 

Die hinzukommenden Werke von Catherine Lamb und Michèle Bokanowski werden in diesem Kontext zu phonetischen Erkundungsräumen. In Lambs „Pulse/Shade“ erschaffen die Sänger*innen eine pulsierende Klangfläche aus den Vokalen A,O,Ö,Ü,I,Ä – wie Kinder, die sich spielerisch der Sprache nähern – und in Bokanowskis „Korè“ wird der verfremdete Klang einer Cellosaite zum meditativen Gong und die dazu vokalisierenden Stimmen zum Gebet.

Die in „Ex Utero“ vorgestellten Musiken stammen aus verschiedenen Zeitaltern und Erdteilen. Und doch sind sie einander nah: Sie eint eine fast verspielte Entdeckerfreude, eine schwebende Leichtigkeit in Klang und Tongebung – und eine völlige Abwesenheit des Monumentalen. „Ex Utero“ geht vor der Größe der Schöpfung nicht in die Knie, sondern feiert das Leben mit Zärtlichkeit und fröhlichem Erstaunen.

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THE PRESENT

The Present

Das Berliner Vokalensemble THE PRESENT widmet sich der Entwicklung von konzeptuellen Konzertprogrammen sowie eigener Musiktheaterformate und setzt sich dabei gleichermaßen kühn wie konstruktiv mit Alter Musik, Neuer Musik und Pop auseinander. Das Ensemble besteht aus Solist*innen, Musiktheaterdarsteller*innen und Expert*innen für historische und zeitgenössische Musik, die die Freude am gemeinsamen Klang und das Interesse am Experiment eint.

Sein Debüt gab THE PRESENT 2019 mit dem Konzertprogramm DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN bei den Schwetzinger SWR-Festspielen, eine nahtlose Verschränkung von Luciano Berios „A-Ronne“ mit Motetten J. S. Bachs. Seitdem war das Ensemble mit unterschiedlichen, oft maßgeschneiderten Programmen zu Gast u.a. bei den Thüringer Bachwochen, den Köthener Bachfesttagen, den Kasseler Musiktagen, dem Acht-Brücken-Festival Köln, in der Tonhalle Düsseldorf, bei den Göttinger Händelfestspielen, erneut in Schwetzingen und mehrfach bei den Bregenzer Festspielen. 

2023 veröffentlichte THE PRESENT sein Debütalbum EX UTERO, das sogleich für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert wurde. Das Programm, das auch schon bei den SWR-Festspielen sowie in der Tonhalle Düsseldorf zu hören war, erlebt heute seine Berliner Premiere.  In performativen Arbeiten beschäftigt sich THE PRESENT mit aktuellen Themen wie der Klimakatastrophe (Trilogie THE PRESENT RETTET DIE WELT mit Therese Schmidt), Selbstoptimierung (HÄNDEL IM AFFEKT – ein Selbsterfahrungsseminar) oder Vermögensungleichheit (GELD mit Musik von J. S. Bach). Im vergangenen Jahr feierte die Musiktheater-Arbeit DER PREIS IST EI – EIN ZYKLUSLIEDERZYKLUS an der Neuköllner Oper Premiere. Das Ensemble war zamus: advanced artist in residence des ZAMUS und erhielt das reload-Stipendium der Kulturstiftung des Bundes. 2026 ist The Present Artist in Residence beim Heinrich-Schütz-Musikfest. 

THE PRESENT wird von Hanna Herfurtner, Amélie Saadia und Olivia Stahn künstlerisch geleitet.

Lee Santana

Lee Santana stammt aus einer Musikerfamilie aus dem US-Bundesstaat Florida. Seit 1984 arbeitet er als freischaffender Komponist und Lautenist, überwiegend in Europa. Seine Arbeit als Solist, Begleiter, Mitspieler, Improvisator und Komponist ist dokumentiert auf über 100 CDs. Schwerpunkt seiner Arbeit war u.a. über 30 Jahre die Arbeit mit der Gambistin Hille Perl, mit der er Hunderte von Duo-Konzerten spielte und die Gruppen Los Otros, Age of Passions und Sirius Viols schuf. Aktuelle Schwerpunkte seines Schaffens sind vermehrt die Komposition und sein eigenes Ensemble Music from the Acoustic Neighborhood, das einen Dialog zwischen Neuer und Alter Musik herstellt. Er ist zunehmend interessiert an Klängen, die spirituelle Türen öffnen können. Die CD Donde Son Estas Serranas ist ein Beispiel dieser Arbeit.

Juliane Laake

Juliane Laake studierte an der Hochschule für Künste Bremen sowie am Königlichen Konservatorium von Den Haag und ist heute eine der führenden Gambistinnen ihrer Generation. Die Stipendiatin des Deutschen Musikrates und Preisträgerin des Internationalen Telemannwettbewerbs gastiert weltweit sowohl als Solistin als auch gemeinsam mit renommierten Ensembles wie der Akademie für Alte Musik Berlin und der lautten compagney BERLIN auf den großen Bühnen und Festivals der Alten Musik. Die CD-Einspielungen des von ihr gegründeten Ensembles Art d'Echo wurden mehrfach für den Opus Klassik, den Preis der deutschen Schallplattenkritik sowie den International Classical Music Award nominiert.

Mira Lange

Mira Lange studierte Cembalo und Blockflöte in Frankfurt/Main. Für ein tieferes Verständnis der Barockmusik erhielt sie Barocktanzunterricht an der Hochschule für Künste in Bremen. Sie ist Preisträgerin des Internationalen Telemann-Wettbewerbs Magdeburg und wirkt als Cembalistin und Hammerflügelspielerin in Ensembles wie der lautten compagney, Astrophil & Stella, Art d’Echo und The Present mit. Ihr besonderes Interesse gilt ihrem Ensemble WUNDERKAMMER, mit dem sie gern Alte Musik, Literatur und historische Rezepte zusammenbringt. Seit 2021 organisiert sie gemeinsam mit dem Cellisten Martin Seemann und dem Kulturkombinat Perleberg e.V. die Konzertreihe "Klanglandschaft Prignitz".

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