Kammermusik des Konzerthausorchesters

von Barbara Gugisch 16. Oktober 2026

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Inhalt

Kammermusik des Konzerthausorchesters

Vlad Popescu Violine
Nilay Özdemir Viola
Taneli Turunen Violoncello
Cătălin Şerban Klavier

Frank Bridge (1879–1941)
„Phantasy“ für Klavierquartett fis-Moll
Andante con moto – Allegro vivace – Tranquillo


Ernst von Dohnányi (1877–1960)
Serenade für Streichtrio C-Dur op. 10
Marcia. Allegro
Romanza. Adagio non troppo, quasi andante
Scherzo. Vivace
Tema con variazioni. Andante con moto
Rondo (Finale). Allegro vivace

 

Pause
 

Robert Schumann (1810–1856)
Klavierquartett Es-Dur op. 47
Sostenuto assai – Allegro ma non troppo
Scherzo. Molto vivace
Andante cantabile
Finale. Vivace

 

In Robert Schumanns „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“, die er seinem berühmten Klavierzyklus „Album für die Jugend“ anfügte, heißt es: „Liebe dein Instrument, halte es aber nicht in Eitelkeit für das höchste und einzige.“ Eine Aussage, die für Schumann als verhindertem Klaviervirtuosen geradezu ironisch schicksalhaft scheint. Wie er selbst, waren auch Frank Bridge und Ernst von Dohnányi nicht nur Komponisten, sondern ebenso bemerkenswerte Instrumentalisten. Der Engländer Bridge spielte meisterhaft Bratsche. Dohnányi kam wie Schumann vom Klavier und hatte schon mit sieben Jahren durch Wunderkindverdacht aufhorchen lassen.

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Bridge – Poesie und Meisterschaft

Der Musikwelt ist Frank Bridge, geboren in Brighton an der Küste des Ärmelkanals, vor allem als Lehrer Benjamin Brittens bekannt; seine Kompositionen fliegen noch immer unter dem Radar. Der Musikwissenschaftler Anthony Payne hob dabei besonders Bridges „Poesie und umfassende technische Meisterschaft“ hervor, aber „die Isolation des englischen Musiklebens von den großen Entwicklungen auf dem Kontinent beraubte Bridges‘ Musik der gebührenden Anerkennung.“ Problem Insellage.

Als höchst gefragter Bratschist trat er solistisch auf und spielte sowohl im Joachim Quartett wie auch im English String Quartet. Seine Kompositionen demonstrieren vor allem in der Kammermusik die enge Vertrautheit mit dem Streicherklang. 1910 entstand die „Phantasy“ für Klavierquartett – damit gehört sie zu Bridges frühen post-romantischen Kompositionen, die an deutsche Vorbilder wie Brahms erinnern.

Die Form der englischen „Phantasy“ wurzelt vor allem in Streicherfantasien des 16. und 17. Jahrhunderts. Walter Willson Cobbett – gutsituierter Musikenthusiast und Mäzen – hatte 1905 eigens einen Kompositionswettbewerb zur Neubelebung der von ihm über alles geschätzten Form gestiftet.

Für diesen entstand 1910 Bridges Werk und es war nach 1905 und 1907 schon seine dritte erfolgreiche Teilnahme. Diesmal hatte Cobbett die Bedingungen geändert: der Stifter suchte zwölf Komponisten aus und beauftragte „Phantasies“. Vorher konnte jeder Interessierte ein Werk einreichen.

Die altenglischen Fantasien definieren sich durch die Verschmelzung von kontrastierenden Tempi, Rhythmen und Stimmungen zu einem Satz – Bridge ist das vom bewegten Beginn bis zum berührend schönen, ruhig ausklingenden Ende überzeugend gelungen.

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Dohnányi – Liebe zur Tradition

Ernst von Dohnányi kam in Bratislava zur Welt, das damals unter ungarischer Herrschaft stand. Er studierte dann an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, wo in der Kompositionsklasse seines Lehrers Hans von Koessler auch Béla Bartók sein Kommilitone war. Wer jedoch in den Kompositionen Dohnányis den ungarischen Nationalstil seiner Landsleute Bartók oder Kodály sucht, wird enttäuscht. In seinem umfangreichen Werk blieb er einer spätromantischen Tonsprache treu, wie Koessler sie vermittelte, den Stilen von Brahms und Schumann nahstehend.

Dohnányi begeisterte europaweit als Pianist, als Komponist schuf er eine eigenständige Klangwelt, die jedoch die Grenzen der Tonalität nie ernsthaft sprengte. Die Serenade für Streichtrio op. 10 von 1902 orientiert sich zweifellos an formalen Vorbildern wie Mozart und Beethoven, aber sie zeigt darüber hinaus kompositorische Eigenständigkeit, Spielfreude und klangliche Fantasie. In der souveränen Formung der Streicherstimmen kam dem Pianisten sicher zu Hilfe, dass er der Sohn eines dilettierenden Cellisten war.

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Schumann – „Jugendlich und frisch“

Ein Konzert brachte den neunjährigen Robert zur Musik. Das Erlebnis des Klaviervirtuosen Ignaz Moscheles wurde für ihn zur Initialzündung. Bald nachdem er seinen ersten Klavierlehrer überflügelte, studierte er in Leipzig mit dem bedeutenden Klavierpädagogen und späteren Schwiegervater Friedrich Wieck. Probleme in der rechten Hand sollten Roberts Traum von der Virtuosenkarriere aber zerstören, vermutlich ausgelöst durch exzessives Üben. Dennoch blieb die besondere Nähe zu dem Instrument in seinen Werken deutlich. Kongeniale Interpretin wurde seine Frau Clara – sie hat auch die Uraufführung des Klavierquartetts op. 47 gespielt.

Es ist 1842 in seinem sogenanntem „Kammermusikjahr“ neben drei Streichquartetten und einem Klavierquintett entstanden. Gedacht als Weihnachtsgeschenk für Clara, wurde es fast zwei Jahre später am 8. Dezember 1844 im alten Leipziger Gewandhaus aus der Taufe gehoben. Es war gleichzeitig das Abschiedskonzert der Schumanns. Seit September 1844 war Niels Gade der neue Gewandhaus-Kapellmeister, die Hoffnungen Schumanns auf die Stelle in der Nachfolge Felix Mendelssohn-Bartholdys wurden zerschlagen. Die Schumanns zogen noch vor Weihnachten – widerwillig – nach Dresden. Widmungsträger des Klavierquartetts ist Graf Mateusz Wielhorski, ein ausgezeichneter Cellist, der in St. Petersburg einen Kammermusiksalon unterhielt.

Sicher kannte Schumann auch die Klavierquartette Mozarts, möglicherweise ließ er sich so zu der Gattung inspirieren. Seine selbstbewusste Einschätzung: „Es nimmt sich recht effectvoll aus, ich glaube effectvoller als das Quintett…“ Die vier Sätze sind thematisch miteinander verwoben, besonders berührend ist der Cellogesang im Andante. Nach der ersten privaten Aufführung hatte Clara notiert: „Schönes Werk, so jugendlich und frisch, als wäre es sein erstes.“

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Vlad Popescu

ist Geiger, Hochschullehrer und Festivalleiter. Als Gründungsmitglied des Furiant Quartetts gewann er internationale Wettbewerbe. Als Kammermusiker trat er mit Künstlerpersönlichkeiten wie Patricia Kopatchinskaja, Bernhard Forck, Valentin Răduțiu und Jiyoon Lee auf.  Als Solist war Vlad unter anderem mit der Camerata Bern und der Filarmonica Banatul Timișoara zu hören. Seit 2018 ist Vlad Popescu künstlerischer Leiter des Eufonia Festivals, das sich der Förderung von musikalischer Bildung, Kammermusik und dem kulturellen Erbe Rumäniens widmet. Seit 2019 leitet er das Projekt „Pavilion“, das die musikalische Bildung junger Menschen in den Mittelpunkt stellt. Vlad Popescu lehrt Violine und Kammermusik an der Fakultät für Musik und Theater in Timișoara. Dort promovierte er außerdem über Streichquartette von Kurtág, Lachenmann und Widmann.

Nilay Özdemir

wurde im türkischen Antalya geboren. Die Stellvertretende Solo-Bratscherin des Konzerthausorchesters studierte in Leipzig bei Tatjana Masurenko, in Paris bei Jean Sulem und in Berlin bei Tabea Zimmermann an der Hochschule für Musik Hanns Eisler sowie aktuell an der Universität der Künste bei Hartmut Rohde. Seit 2019 ist sie Mitglied im Konzerthausorchester Berlin, außerdem spielt sie am Konzerthaus im Quartett Polaris. Sie war Stipendiatin der Kurt-Sanderling-Akademie des Konzerthausorchesters. Nilay Özdemir war zu Gast beim Krzyzowa Kammermusik Festival und Stipendiatin verschiedener renommierter Akademien (Verbier Festival, Kronberg, Seiji Ozawa). 

Taneli Turunen

studierte Cello und Gesang an der Sibelius-Akademie in seiner Heimatstadt Helsinki, danach Cello bei Frans Helmerson in Köln. Seit 2002 ist der Stellvertretende Solo-Cellist Mitglied des Konzerthausorchesters Berlin. Er verfolgt eine umfangreiche Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker, ist Sänger von „Tango Finlandés“ und hat für das schwedische Label „BIS“ aufgenommen.

Cătălin Şerban

ist Pianist und konzertiert international als Solist und Kammermusiker. Auftritte führten ihn u. a. ins Konzerthaus Berlin, in die Berliner Philharmonie und ins Bukarester Athenäum. Als Gründer und künstlerischer Leiter der Kammermusikreihe Spielende Insel arbeitet er mit international renommierten Musiker*innen zusammen. Seine Diskografie umfasst mehrere Solo- und Kammermusikalben, darunter Veröffentlichungen bei Naxos.

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