16.00 Uhr
Neujahrskonzert
Vogler Quartett
Tim Vogler Violine
Frank Reinecke Violine
Stefan Fehlandt Viola
Stephan Forck Violoncello
Joseph Haydn (1732 – 1809)
Streichquartett C-Dur op. 74 Nr. 1 Hob III:72
Allegro moderato
Andantino grazioso
Menuetto. Allegro
Finale. Vivace
György Kurtág (geb. 1926)
Quartetto per archi op. 1
Poco agitato
Con moto
Vivacissimo
Con spirito
Molto ostinato
Adagio
PAUSE
Robert Schumann (1810 – 1856)
Streichquartett A-Dur op. 41 Nr. 3
Andante espressivo – Allegro molto moderato
Assai agitato
Adagio molto
Finale. Allegro molto moderato
Joseph Haydns Quartett op. 74 Nr. 1
Der erste Satz von Haydns Quartett C-Dur op. 74 Nr. 1 ist ein Musterbeispiel motivischer Ökonomie. Haydn arbeitet in ihm mit zwei Motiven: Kreis (Circulo-Figur) und Gerade (Tonleiter). Das Allegro ist monothematisch angelegt; denn im Seitensatz erklingt das (variierte) Hauptthema auf der fünften Stufe. Auch das rhythmisch neuartige Motiv der Schlussgruppe geht auf die Circulo-Figur zurück. In der Durchführung kombiniert Haydn die beiden Motive und schiebt sie übereinander. Die Reprise dient nicht allein dem Ausgleich des Gegensatzes von C-Dur und G-Dur, sondern steigert die Form, indem das Hauptthema als vierstimmiges Fugato gesetzt ist. In der Coda erklingen die beiden Motive wie als Summe im unisono. Als zweiter Satz folgt ein galantes Intermezzo. Allein die Coda straft den Ton des Leichtsinns Lügen, wenn das Thema vom Beginn zur Überraschung aller in cis-Moll erklingt. Auch wenn Haydn dies korrigiert und nach G-Dur zurückfindet, dürfte er den Hörer verstört haben. Das Menuett ist kein höfischer Tanzsatz, sondern kräftig und volkstümlich im Charakter. Auch im Finale kommt Haydn mit einem einzigen Thema aus, das in der Exposition in vier Varianten zu Gehör kommt. In der Durchführung verdichtet er das Thema dadurch, dass er die Motive gleichzeitig erklingen lässt. Die Reprise folgt in der Hauptsache dem Verlauf der Exposition.
György Kurtágs Quartetto per archi op. 1
Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges machte sich György Kurtág, der 1926 im rumänischen Lugoj geboren wurde, auf den Weg nach Budapest, um an der dortigen Musikakademie Unterricht bei Béla Bartók zu nehmen. Doch dessen Tod im amerikanischen Exil machte diese Hoffnung zunichte. Heute gehört Kurtág, dem 1998 der Ernst-von-Siemens-Preis verliehen wurde, zu den bedeutenden Komponisten der Gegenwart. Er arbeitet langsam und veröffentlicht allein solche Kompositionen, die ihm vollständig gelungen erscheinen. Diese Selbstkritik führte ihn anfangs in eine Schaffenskrise. Doch die Kunsttherapeutin Marianne Stein gab ihm den entscheidenden Anstoß für seine weitere Arbeit und riet ihm dazu, mit wenigen Tönen zu arbeiten, weil sich nur so seine schöpferische Fantasie entfalten könnte. Später nannte er sie emphatisch seine Kompositionslehrerin und widmete ihr sein Opus 1: das Quartetto per archi. In der Werkeinführung zu seinem ersten Streichquartett hebt er selbst die zentralsymmetrische Anlage hervor, in der die Sätze 1 und 6, 2 und 5 einander entsprechen und die Sätze 3 und 4 umschließen. Der erste Satz ist in sich symmetrisch und ersetzt nach Kurtág die Einleitung. Der in sich zweiteilige zweite Satz basiert auf einer Zwölftonreihe. Der dritte ist als Doppelkanon komponiert. Den vierten Satz hat er selbst ein „Vogel-Scherzo“ genannt, in dem „Freiluft-Erinnerungen an Pariser Parks“ verarbeitet seien. Der fünfte Satz knüpft mit seiner Zwölftonreihe und den Ostinatoflächen an den zweiten Satz an. Der letzte Satz geht auf die lichte Flageolett-Musik des ersten Satzes zurück.
Robert Schumanns drittes Streichquartett
In einem Brief vom 5. Juni 1839 ermutigte Franz Liszt, der selbst kein traditionelles Werk der Kammermusik veröffentlichte, Robert Schumann dazu, nach den vielen Stücken für Klavier nun „Trios, Quintette oder Septette“ zu schreiben. Doch es dauerte noch drei Jahre, bis sich Schumann ernsthaft der Komposition von Werken der Kammermusik zuwandte. Um zum idealen „Quartettstylisten“ zu reifen, spielte er gemeinsam mit Clara im Frühjahr 1842 Quartette Haydns und Mozarts „der Reihe nach am Clavier“ durch. Später studierte er auch die von Beethoven und Mendelssohn. Dann erst komponierte er in sechs Wochen des Sommers 1842 seine drei Quartette op. 41.
Das dritte Quartett der Serie wird mit einer kurzen Introduktion eröffnet, in der die motivische Keimzelle des Werks, die fallende Quinte in der ersten Geige, so exponiert ist, dass sie sich so in das musikalische Gedächtnis einprägt und durch das gesamte Quartett verfolgen lässt. Im Kopfsatz verschränkt Schumann wie Haydn die monothematische Sonatensatzform mit der Variationenfolge, indem er an den Gelenkstellen der Form das Hauptthema in immer veränderter Gestalt erklingen lässt. Im zweiten Satz treffen zwei Formcharaktere aufeinander, die einander wahrscheinlich noch niemals in einem Satz begegnet sind: Scherzo und Variationenfolge. Dem synkopierten Thema folgt zunächst eine Figuralvariation. In der zweiten Variation steigert Schumann den Kontrapunkt zu einem vierstimmigen Fugato. In der dritten verdichtet er den Satz zu einem zweistimmigen Kanon zwischen erster Violine und Viola. Gleichzeitig nimmt das Thema, nun im Gewand eines Sicilianos, erstmals melodische Qualität an und vertritt innerhalb dieses Scherzos das Trio. Die wieder durch Synkopen vorangetriebene letzte Variation ist aller imitatorischen Verkomplizierung entledigt und verweist unterschwellig bereits auf das zweite Couplet des Rondo-Finales. Steht im Scherzo die Rhythmik im Vordergrund, ist der langsame Satz vor allem durch harmonischen Reichtum charakterisiert. Der in diesem Quartett bisher auf das Seitenthema des ersten und die dritte Variation des zweiten Satzes beschränkte Gesang kommt nun zur vollen Entfaltung. Dass Schumann bei der Komposition des vierten Satzes weniger das gewichtige Finale Beethovens als Haydns Kehraussatz im Blick hatte, verrät der heitere Ton des Satzes, der an seine eigenen frühen Klavierwerke erinnert, etwa Sätze aus den „Novelletten“ oder den stilisierten Tänzen des „Carnaval“. Im dritten Couplet zitiert Schumann, in einem durch die Bezeichnung „Quasi-Trio“ vom Umfeld deutlich abgehobenen Abschnitt, die Gavotte aus der 6. Französischen Suite Johann Sebastian Bachs.
Das Ensemble, das seit 1985 in unveränderter Besetzung spielt, wurde bereits ein Jahr nach seiner Gründung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin mit dem Ersten Preis beim Streichquartettwettbewerb in Evian 1986 international bekannt. Eberhard Feltz, György Kurtág und das LaSalle Quartett wurden zu seinen prägenden Mentoren. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Haydn über Bartók und die Zweite Wiener Schule bis zu Neuer Musik. Regelmäßig arbeitet das Vogler Quartett mit Künstlern wie Jörg Widmann, David Orlowsky, Salome Kammer, Jochen Kowalski, Tatjana Masurenko oder Oliver Triendl zusammen. In der Vergangenheit konzertierte es unter anderem auch mit Lynn Harrell, James Levine, Bernard Greenhouse, Boris Pergamenschikow und Menahem Pressler.
In den europäischen Musikzentren fühlen sich die vier Musiker ebenso zu Hause wie in den USA, Japan, Australien und Neuseeland. Seit 1993 veranstaltet das Vogler Quartett im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt eine eigene Konzertreihe, seit 2000 ebenfalls in Neubrandenburg. 2000 gründete das Ensemble das jährlich stattfindende Kammermusikfestival „Musik in Drumcliffe“ im irischen Sligo und übernahm 2002 die künstlerische Leitung der Kammermusiktage Homburg (Saar). Die Mitglieder des Vogler Quartetts unterrichten an den Hochschulen in Berlin, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart und geben Meisterkurse im In- und Ausland. Als Nachfolger des Melos-Quartetts hatte das Vogler Quartett die Professur für Kammermusik an der Musikhochschule in Stuttgart inne. Im Bereich der Musikvermittlung ist es bei „Musik in Drumcliffe“ und seit 2005 auch bei den Nordhessischen Kindermusiktagen tätig.
Anlässlich des 30-jährigen Quartettjubiläums erschien 2015 im Berenberg Verlag das Buch „Eine Welt auf sechzehn Saiten – Gespräche mit dem Vogler Quartett“. Die Diskographie des Ensembles umfasst Werke unter anderem von Beethoven und Schubert, Mendelssohn und Schumann, Reger und Schulhoff, Hartmann und Golijov, ein Tango-Album mit dem Bandoneonisten Marcelo Nisinman und die CD „Paris Days – Berlin Nights“ mit Ute Lemper und Stefan Malzew. Sukzessive entsteht eine Gesamtaufnahme der Dvořák-Quartette für das Label cpo. Anfang 2021 erschienen Alben beim Label Capriccio mit Werken von Georgi Catoire (mit Oliver Triendl) und Grigori Frid (mit Elisaveta Blumina).